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Big Vicious

Avishai Cohen

ECM/Universal 0836025
(51 Min., 8/2019)

Auf ein bestimmtes Format ist der israelische Trompeter Avishai Cohen offenbar nicht festgelegt. Im Quintett, Quartett, zuletzt im Duo haben wir ihn auf seinen ECM-Einspielungen gehört. Nun aber präsentiert er sich mit einer ganz neuen Besetzung gänzlich außerhalb des klassisch akustischen Jazzkontexts.
Zwei E-Gitarristen (Uzi Ramirez, Yonatan Albalak, Letzterer greift auch regelmäßig zum E-Bass) und zwei Drummer (Aviv Cohen und Ziv Ravitz) bilden das Rückgrat der Band Big Vicious, die Cohen vor sechs Jahren gemeinsam mit seinem High-School-Freund Ramirez gründete. Der Trompeter bedient hier auch regelmäßig den Synthesizer. So etwa in der Albumeröffnung „Honey Fountain“, die mit einem echolotartigen Fiepen einsetzt, oder im schroff-schrägen „King Kutner“.
Wer aber angesichts dieses rocklastigen Setups gewaltsame Eruptionen erwartet, sieht sich getäuscht. Big Vicious agiert ungeachtet der namensgebenden Nähe zur Punk-Ikone Sid Vicious lakonisch, cool und zurückhaltend. Cohen gibt dabei mit glasklarer Stimme die Richtung vor. Sämtliche Verschattungen des Tones, die Trompeterkollegen Nils Petter Molvær oder Erik Truffaz in jazzrockiger Umgebung so gerne pflegen, sind ihm fremd.
Womit aber nicht gesagt sein soll, dass Cohen und die Seinen geheimnislos wären. Von ihrer knorrig reduzierten Musik geht ein hypnotischer Sog aus, der einen oft irgendwo in den 1990er-Jahren ausspuckt. „The Cow & The Calf” etwa könnte von der schwedischen Nineties-Popband Cardigans stammen. Beethovens Mondscheinsonate wirkt 250 Jahre nach der Geburt des Komponisten so hitzeflirrend lasziv, als hätte es Tito & Tarantula in die Wüste Negev verschlagen.
„Teardrop“ von Massive Attack schließlich tönt mit blubbernder Gitarre, mächtig Hall auf der Snare und einer Trompete, die dem zutiefst einfachen Thema große Tiefe verleiht, wie ein noch verrückterer Zeitsprung – so hätte es wohl geklungen, wenn Miles Davis schon zu psychedelischen „Bitches Brew“-Zeiten damit angefangen hätte, Chart-Hits zu interpretieren. Ähnliches gilt auch für „Fractals“, dessen Melodie auf einer indischen Tonleiter basiert und in der Dunkelheit eines Electro-Clubs endet.
Wie Cohen an der Trompete vor diesen wechselnden Hintergründen den melancholischen Leadsänger gibt, dessen Töne stets von einer Aureole umgeben zu sein scheinen – das ist schon ein Ereignis. Der Exkurs in die Welt des Fusion macht den schon in Kammerjazzdingen beachtlichen Trompeter definitiv nicht uninteressanter.

Josef Engels, 28.03.2020



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