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In Duo with Mihkel Mälgand

Kadri Voorand

ACT/Edel 1097392ACT
(44 Min., 2–4/2019)

Schon 2018 sorgte die estnische Sängerin und Songschreiberin Kadri Voorand mit ihrem ersten in Deutschland erschienenen Album „Armupurjus” für ein gewisses Aufhorchen: Diese kehlige stolze Sprache, diese Experimentierlust und diese hervorragenden stimmlichen Fähigkeiten machten Lust auf mehr.
Dass sich die Frau etwas traut, macht sie nun bei ihrem ACT-Debüt schon mit der minimalistischen Besetzung deutlich: Da greift sie instrumental ausschließlich auf den Bassisten, Cellisten und Gitarristen Mihkel Mälgand als Begleiter zurück; bei einem Stück tritt dann noch der Gastvokalist NOËP hinzu.
Allerdings singt und scattet die Estin nicht nur fabelhaft, sondern spielt nebenbei auch noch hervorragend Klavier sowie Geige und Kalimba. Dadurch klingt ein Stück wie beispielsweise „Ageing Child“ wie von einer ganzen Band anstatt von einem Duo gespielt: Rhythmisiertes Hecheln und das Beklopfen eines Instrumentenkorpus sorgen für Beats und einen dynamischen Song-Aufbau, die komplexen Unisoni von Klavier und Kontrabass lassen Jazzgewandtheit erkennen, die durchlaufende Daumenklavier-Figur gibt dem Ganzen zusätzliches exotisches Flair.
Gleichermaßen eingängig wie verspielt durchmessen Voorand und Mälgand im Verlauf der Aufnahme verschiedenste stilistische Bereiche: Könnte die Eröffnungsnummer „Iʼm Not in Love“ direkt einem Stephen-Sondheim-Musical entsprungen sein, erweist sich „Like Yoko and John“ mit seinem gewitzt eingestreuten „Imagine“-Zitat als leichtherzig-virtuose Lennon-Hommage. „I Must Stop Eating Chocolate“ ist eine augenzwinkernde Nachtclub-Jazzsängerinnen-Travestie, während das Cover des aus heutiger Sicht doch ziemlich fragwürdigen Michael-Jackson-Hits „They Donʼt Really Care About Us“ in puncto Reharmonisation Ähnlichkeiten mit Jacob Collier aufweist.
„Where Would You Be“ und „Revenge“ aus der Feder der estnischen Gruppe Curly Strings liebäugeln schließlich heftig mit dem Bluegrass. Alles in allem eine ziemlich wilde Mischung, in der Voorands Wurzeln bis auf zwei in ihrer Muttersprache gesungene Lieder doch ziemlich untergehen. Aber möglicherweise ist das Aufsaugen der unterschiedlichsten Einflüsse auch eine Spezialität Estlands, das aus seiner historischen geopolitischen Not immer wieder eine Tugend machen musste.

Josef Engels, 29.02.2020



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