Responsive image

Kristallen

Nils Landgren & Jan Lundgren

ACT/Edel 1096282ACT
(57 Min., 3/2018)

Die Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln als Antwort auf das Unbehagen an der amerikanischen Politik – das machte die 1964 erschienene Aufnahme „Jazz på Svenska“ des schwedischen Pianisten Jan Johansson zu einem enormen Erfolg in seiner Heimat. So jedenfalls kann man es in Stuart Nicholsons Buch „Is Jazz Dead? (Or Has It Moved To a New Adress)“ nachlesen.
Dank Trump müssen sich der Posaunist/Sänger Nils Landgren und der Pianist Jan Lundgren also keine Sorgen darüber machen, dass ihre Duo-Aufnahme „Kristallen“ Käufer in Skandinavien findet: In ihren Interpretationen schwedischer Volkslieder schlummert nämlich unüberhörbar die Seele Johanssons und seiner zahlreichen Nachfolger. Gleichzeitig winterluftkalt klar und herzenswarm heimelig strahlen die Stücke eine heitere Traurigkeit aus, die gar nicht so weit vom Blues entfernt ist.
Doch Lundgren und Landgren, der gemeinsam mit Esbjörn Svensson 1997 den jazzigen Kammervolksliedklassiker „Swedish Folk Modern“ einspielte, weiten bewusst das Repertoire aus. Was in Zeiten des allenthalb zurückkehrenden Nationalismus ein wichtiges Zeichen ist.
Indem die beiden Schweden Stücke der Beatles („I Will“ und „Norwegian Wood“, das eine von Landgren charmant gesungen, das andere mit einem fingerfertigen Posaunen-Solo veredelt), Keith Jarrett („Country“, von Lundgren adäquat bluesfolkig dem Klavier entlockt) oder Abdullah Ibrahim („The Wedding“) in ihr nordisches Idiom integrieren, machen sie klar: Auch Brexit-Großbritannien, die USA und Südafrika sind Teil einer Weltregion, in der keine Visa benötigt werden. Gemeint ist jenes sagenumwobene Land, in dem die Melodien blühen. Wem ein solcher Satz nicht zu kitschig ist, der hat auch die nötige Herzensoffenheit für Landgrens und Lundgrens Song-Schneekristalle. Klar im Ton, konzentriert, einander zugewandt – wenn doch alle Dialoge heutzutage so geführt würden!

Josef Engels, 01.02.2020



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Eine Reise zu zweit, a Journey for Two, haben sich Vashti Hunter und Jonian Ilias Kadesha dem Titel ihres ersten Duo-Albums nach vorgenommen. Doch wo soll sie hingehen? Als diskografisches Reiseziel erwählte das Musikerpaar die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, genauer die Musik von Iannis Xenakis, Zoltan Kodaly, Arthur Honegger und Nikos Skalkottas. Das Zusammenhalt stiftende Element dieser durchaus in die Repertoireperipherie führenden Zusammenstellung liegt in den volksmusikalischen […] mehr »


Top