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Shake Stew

Gris Gris

Traumton/Indigo/375 Media 05180292
(98 Min., 6/2019)

In Österreich sei Shake Stew weltberühmt, sagte Septett-Gründer und Bassist Lukas Kranzelbinder unlängst in einem Interview. Das ist nicht nur ein Beispiel für den berühmten alpenländischen Schmäh, sondern auch eine schamlose Untertreibung. Denn wenn es nach den deutschen Jazzmagazinen und der ZEIT geht, handelt es sich bei der Formation um nichts Geringeres als die europäische Jazzband der Stunde.
Und dafür gibt es tatsächlich einige gute Gründe: Da wäre etwa der aufregende und anregende Shake-Stew-Stilmix aus gleichermaßen pulsierenden wie hypnotisierenden Afro-Elementen, Balkan-Versatzstücken, spirituellem Jazz und ungebärdiger Expressionslust. Und die Bereitschaft, immer und überall Konzerte zu geben. Sowie die besondere Gabe, die viel gerühmte Energie der Live-Shows auch in einem Studio-Setting entfalten zu können.
Davon legt „Gris Gris“, das dritte Album des österreichisch-deutschen Verbundes, ein mitreißendes Zeugnis ab. Gleich mit den ersten Tönen, einem anschwellenden Gong-Ton und einem hibbeligen Bass-Ostinato im Anschluss, zieht Shake Stew den Zuhörer in den Bann. „I Can Feel the Heat Closing In“ heißt das Auftaktstück völlig zu Recht.
Die Hitze, der man sich nicht entziehen kann, verdankt sich der ungewöhnlichen Besetzung des Septetts: Sowohl die Schlagzeug-, als auch die Bass- und Saxofon-Positionen sind bei Shake Stew doppelt besetzt. Das sorgt für dichte Rhythmen und saftige Bläsertexturen, die von einer Trompete noch zusätzlich angedickt oder hinterfragt werden können.
Genauso bemerkenswert wie die Dringlichkeit der Grooves, die mal aus der Gnawa-Musik, mal von Pharoah Sanders, mal von Charles Mingus zu stammen scheinen, ist der solistische Eigensinn, den die Saxofonisten Clemens Salesny (Alt) und Johannes Schleiermacher (Tenor) sowie der Trompeter Mario Rom an den Tag legen.
Vor allem Letzterer entlockt seinem Instrument die eigentümlichsten Töne, wie etwa das Stück „So He Spoke“ zeigt. Man hört da alles Mögliche – ein dämonisch greinendes Kind, eine singende Säge, einen dunkelblauen Luftballon, aus dem schmerzlich langsam die Luft entweicht – aber keine Trompete. Einfach nicht von dieser Welt.

Josef Engels, 25.01.2020



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