Keine Angst vor Beethoven! Auch René Jacobs will zum 250. Geburtstagsjubeltrubel mitmischen. Der flämische Dirigent tut das auf seine Weise. Bevor zum Feierfinale Ende 2020 seine Version der Missa solemnis erscheinen wird, kommt jetzt die (bis auf wenige Finaltakte) puristisch ernst genommene „Fidelio“-Urfassung heraus. Live aufgenommen (eine Premiere für Jacobs) in der Pariser Philharmonie, am Ende einer Konzerttournee. Die Sicherheit des Erprobten hört man allen Beteiligten an – ganz besonders in den frisch und glaubwürdig klingenden Dialogen. Und man muss sagen: So wie Jacobs souverän disponiert, rasche Tempi nimmt, aber gerade das Finale sehr singbar eben nicht verhetzt, so sehr gelingt ihm ein starkes Plädoyer für diese dreiaktige „Leonore“ von 1805, die gar nicht so schlecht ist, sondern eine anders fokussierte Alternativfassung zum bekannten Zweiakter darstellt. Das beginnt schon mit der hier verwendeten Leonoren-Ouvertüre Nr. 2, die geradlinig in Sonatenform das Geschehen vorwegnimmt, und zieht sich weiter in der hier mehr Gewicht bekommenden Marzellinen-Handlung; die Schließertochter wird zudem von Robin Johannsen mit dunklem Spielsopranton verkörpert. Vokal nicht weit von ihr entfernt ist die Koloraturlyrikerin Marlis Petersen als Leonore, die insbesondere eine längere Arie mit mehr Koloratur als üblich zu meistern hat. Der tenorsympathische Johannes Chum erweitert das als glaubwürdiger Jacquino zum Liebesdreieck; später vervollständig Maximilian Schmitts nobler, aber ein wenig fader Florestan solches zum Quartett. Dimitry Ivashchenko (Rocco), Johannes Weisser (Pizarro) und Tareq Nazmi (Minister) runden solide die Sängerequipe ab. Die Zürcher Sing-Akademie klingt schlank, das farbenreiche Freiburger Barockorchester so beseelt wie engagiert. Nur Freude und Götterfunken also. Mag das Beethoven-Jahr ruhig abschnurren!

Matthias Siehler, 25.01.2020



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