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Waiting Game

Terri Lyne Carrington & Social Science

Pias – Motéma/Rough Trade 39147222
(109 Min., 2/2017) 2 CDs

Keine Frage: Diese Doppel-CD ist ein thematischer Rundumschlag gegen die Missstände in den USA und in der Welt. Es geht unter anderem um Polizeigewalt gegen Schwarze, politische Gefangene, geprellte amerikanische Ureinwohner, Homophobie oder die systemimmanente Benachteiligung von Frauen.
Der Ernsthaftigkeit der Sache entsprechend hat die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington, die in Berklee das „Institute of Jazz and Gender Justice“ leitet, schwergewichtiges Personal zusammengetrommelt: Man hört den inhaftierten Bürgerrechtler Mumia Abu-Jamal via Telefon aus dem Gefängnis und vernimmt auch prominente Aktivistinnen wie Angela Davis. Auf musikalischer Seite treten neben diversen Rappern und Rapperinnen Esperanza Spalding am Bass, Nicholas Payton an der Trompete, Meshell Ndegeocello als Spoken-Word-Performerin oder Take-6-Sänger Mark Kibble als Gaststars von Carringtons neuer Band „Social Science“ in Erscheinung.
Überraschenderweise erstickt „Waiting Game“ jedoch nicht unter der Last der angesprochenen Probleme, sondern erweist sich als oftmals sehr lässige Angelegenheit. Was am bewundernswert durchdachten Schlagzeugspiel der Anführerin liegt, das gleichermaßen feingliedrig wie groovebetont ist. Sowie an den Kompositionen, die mal von Carrington, mal von ihrem Pianisten Aaron Parks oder ihrem Gitarristen Matthew Stevens stammen. Da entwickelt sich eine an sich so bizarr-traurige Nummer wie „Pray the Gay Away“ unversehens zu einem Mitsing-Schunkler mit treibenden Dancehall-Beats. Und auch eine düstere Anklage wie „Trapped in the American Dream“ lebt mehr von zarter Hoffnung und melodischer Fragilität als von Aggression.
Der ersten, vor Worten im HipHop- , Soul- und sogar Opernsopran-Idiom ein wenig zu sehr strotzenden Hälfte des Doppelalbums stellt Carrington einen nonverbalen Jam auf der zweiten CD gegenüber. Die nachträglich mit zart gewebten Linien einer Streicher- und Bläsersektion versehene Suite „Dreams and Desperate Measures“ erweitert das musikalisch weite Spektrum auf „Waiting Game“ zusätzlich um modernen Kammerjazz und coole „In a Silent Way“-Momente – ein wahrhaft inklusives Magnum Opus der legitimen Nachfolgerin von Max Roachs „We Insist!“ in Sachen Jazzschlagzeug und politischem Bewusstsein.

Josef Engels, 18.01.2020



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