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Colors

Michel Petrucciani

BMG/Warner 405053852196
(102 Min., 1994–1997) 2 CDs

Wer je das Vergnügen hatte, ein Konzert von Michel Petrucciani zu erleben, gewahrte einen Pianisten voller Kraft und Humor. „Als mein Klavierlehrer sagte, ich müsste üben, hat er irgendwie das Treppensteigen vergessen“, witzelte der mit Glasknochen geborene Petrucciani, wenn er etwa in der Kölner Philharmonie nach einigen Mühen sein Spielgerät auf der Bühne erreicht hatte.
Exakt von diesem Geist ist auch das Doppelalbum geprägt, das nun 20 Jahre nach dem Tod des Franzosen seine einprägsamsten Songs versammelt. Denn Petrucciani war nicht nur ein hervorragender Pianist, sondern auch ein unermüdlicher Komponist mit 140 Werken in seinem Portfolio. Stücke, die von seinem Gespür für Ohrwurm-Wendungen genauso geprägt waren wie von seiner Liebe für Brasilianisches, Südeuropäisches und Souliges.
Gewiss: Bis auf das erstaunliche „Montélimar“, auf dem sich der Pianist per Overdub-Verfahren selbst an der Orgel begleitet, wurden alle Nummern auf „Colors“ bereits zu seinen Lebzeiten auf Tonträgern veröffentlicht. Mag die Kompilation trotz ihrer hochwertigen Aufmachung und 16-seitigem Booklet auch einige ärgerliche Makel haben (wie etwa fehlende oder falsche Besetzungsangaben) – die Songauswahl ist immerhin vorbildlich.
Weil sie nämlich zum einen auf Versionen verzichtet, die man in den 1990er-Jahren im Studio mit zu viel Zuckerglasur überzogen hatte. Und weil sie zum anderen einige der spannendsten Mitmusiker-Konstellationen in der viel zu kurzen Karriere Petruccianis versammelt. Etwa das Traum-Rhythmusgespann Anthony Jackson und Steve Gadd, das mit seinen subsonischen Basstönen und filigranen Besenbegleitungen den gleichermaßen pulsierenden wie filigranen Rahmen für den ungemein harten Tastenanschlag ihres Bandleaders lieferte.
Auf „Colors“ ist auch die Erweiterung dieses Trios um eine von Bob Brookmeyer butterweich arrangierte Bläsersektion zu hören, ebenso Petruccianis ungemein swingendes Duo mit dem Organisten Eddy Louiss, ein Rendezvous mit der französischen Jazzgeiger-Legende Stéphane Grappelli, Aufnahmen mit Dave Holland, Tony Williams und einem Streichquartett sowie eine Reihe von Solopiano-Konzertmitschnitten.
Man hört da einen Virtuosen mit unfassbarer Spielkontrolle und Autorität, einen dem Publikum unbedingt zugewandten Melodiker und einen nach außen unerschütterlichen Optimisten, der wusste, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. Als Michel Petrucciani 1999 im Alter von 36 Jahren starb, beerdigte man ihn neben Frédéric Chopin. In seinen vielfarbigen, sonnenbeschienenen Kompositionen lebt er weiter.

Josef Engels, 28.12.2019



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