Franz Schubert

Winterreise

Ian Bostridge, Thomas Adès

Pentatone/Naxos PTC5186764
(72 Min., 4/2019)

 

Franz Schubert

Winterreise

Pavol Breslik, Amir Katz

Orfeo/Naxos C934191
(74 Min., 6/2019)

 

Ein Ich lebt sich hemmungslos aus, klagt, hofft, verzweifelt trostlos, 70 Minuten lang. Als der Schubert Franzl, professioneller, aber erfolgloser Mittelpunkt einer Runde Wiener Musikdilettanten, im Herbst 1827 einlud, um einen Zyklus „schauerliche Lieder“ vorzusingen, reagierten die mit Unverständnis. Zu düster, ein Stimmungskiller erster Güte. Schubert starb kurze Zeit später, Textdichter Wilhelm Müller war – erst 23-jährig – längst tot. Doch der Zyklus sollte der Gipfelpunkt der Liedkunst werden. „Die Winterreise“ wird zitiert wie variiert. Sie wird noch fleißiger gesungen. Kein Ende in Sicht. Auch nicht bei Ian Bostridge. Der britische Tenor hat sie bereits in einem Film umgesetzt, und keiner weiß über diesen Zyklus mehr als er: 2015 erschien sein Buch über „Lieder von Liebe und Schmerz.“ 2004 hat er den Zyklus erstmals mit Leif Ove Andsnes eingespielt. Als Anatomie eines Kampfes, erst verträumt, dann wüst vokal um sich schlagend, der Realität ausgeliefert, zerquält, gellend. Jetzt folgt eine zweite Version, der Komponist Thomas Adès sitzt hier mit einer fast eisgekühlt neutralen, dabei aufmerksam sezierenden Haltung an den Tasten. Alles ist gesagt. Bostridge singt abgeklärt, konzentriert, geradlinig, auf den nackten Text fokussiert. Packend. Natürlich ist die Stimme weniger fruchtig, fahler in den Farben. Doch jede Silbe ist hier mit Bedeutung aufgeladen, man kann sich der Faszination dieses Narrativs nicht entziehen.
Das genaue, und damit zum richtigen Veröffentlichungszeitpunkt kommende Gegenteil: Der Slowake Pavol Breslik interpretiert den Zyklus tenorschmelzend warm und glühend zart, möchte ein zärtlich hoffendes, irgendwie sonniges Licht sein in der kalten Winterlandschaft. Auch eine Alternative. Denn er singt das großartig, mit kunstfertiger Naivität, dabei gefühlvoll, mit voller, dann fahler, aber stets tragender Stimme. Nie mutet das sentimental an, auch wenn sich Pavol Breslik mehr freudige Expression traut als üblich. Umso jäher ist das Erwachen, die bittere Erkenntnis am Ende. Amir Katz fängt das feinsinnig in seiner wohltönenden, vielschichtigen Klavierbegleitung auf.

Matthias Siehler, 28.12.2019




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