Der 40. Geburtstag des Alte-Musik-Ensembles „Amsterdam Baroque“ und – sage und schreibe! – der 75. Geburtstag von Ton Koopman, der dieses Ensemble 1979 gründete, sind wahrlich ein guter Grund für eine üppige Jubiläumsbox, die auf zehn CDs das Schaffen des Meisters aus Zwolle überblickshaft repräsentiert. Denn Ton Koopman ist ja nicht nur als Dirigent, sondern ganz besonders auch als Organist und Cembalist zu würdigen: Von Frescobaldi über Johann Sebastian bis hin zu Carl Philipp Emanuel Bach reicht das Repertoire, das Koopman auf Tasten, gelegentlich auch im Zusammenspiel mit dem selbst geleiteten eigenen Orchester, beackert hat. Faszinierend ist an seinem Tastenspiel die Genauigkeit des glasklaren Non-Legato-Spiels, beeindruckend ist die Präzision des „Martellato“, mit dem seine kräftigen Finger auch die kompliziertesten Verzierungen ohne die geringste Unschärfe hervorzurufen vermögen. Dabei ist sein Spiel freilich niemals starr, sondern beseelt von einem ganz selbstverständlichen Gespür für jene rhetorisch generierte agogische Freiheit, die Barockmusik erst wirklich zum Leben erweckt. All dies hat Koopman ja in den Jahrzehnten des unermüdlichen Schaffens teilweise auch selbst mitentwickelt, er ist als Solist und Dirigent maßgeblich mitbeteiligt an der Entwicklung des Tonfalls, den die historisierende Aufführungspraxis heute hat.
In diesem Sinne begegnen wir in dieser Box unter anderem seinen „Membra Jesu nostri“ von 1987, seinem „Wohltemperierten Klavier Teil II“ mit interessanter ungleichschwebender Stimmung von 1982, Bachschen Orgelwerken, Händelschen Concerti grossi und Orgelkonzerten. Eine reichhaltige Sammlung, die gleichwohl nur einen Ausschnitt von Koopmans umfassendem Können und Wirken repräsentiert. Das freilich liegt auch daran, dass Koopman mit seinen Musikern durch die Schließung des Labels Erato vor mehr als 20 Jahren schmählich im Regen stehen gelassen wurde und unter erheblichem persönlichem Einsatz ein eigenes CD-Label gründen musste, u. a. um seine Gesamtaufnahme aller Bach-Kantaten zu Ende zu bringen.

Michael Wersin, 30.11.2019



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