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Sketches Of Yugoslavia

Dusko Goykovich

Enja&yellowbird/Edel 1096732EY2
(36 Min., 6/1973 & 6/1974)

Manchmal lohnt sich der Blick in die Archive. Beim NDR schlummerte jahrzehntelang „Sketches Of Yugoslavia – A Balkan Jazz Suite“, komponiert vom Trompeter Dusko Goykovich, arrangiert von Hans Hammerschmid und 1973/74 in zwei Sessions von Goykovichs Quartett sowie Bläsern und Streichern des Rundfunkorchesters Hannover des NDR eingespielt. Da waren die „Sketches Of Spain“ von Miles Davis und Gil Evans schon vierzehn Jahre alt, Chick Coreas „Return Forever“ zwei und Dusko Goykovich etwas über dreißig. Auch waren Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien noch im Staat Jugoslawien vereint.
Diesem Jugoslawien widmete der im bosnischen Jajce geborene Dusko Goykovich die achtteilige Suite „Sketches Of Yugoslavia“, in der er seine Jazzerfahrungen in den Bands von Maynard Ferbuson, Kenny Clarke und Francy Boland, Woody Herman und beim deutschen Bandleader Max Greger gesammelt hatte, mit seinen Erinnerungen an die Musik des Balkans. Dabei bearbeitete er keine Volkslieder; wohl aber übernahm er teilweise deren Art der Melodieführung. Andererseits erinnern manche Instrumentierungen stark an jene von Gil Evans, und manchmal schimmern auch Motive wie Chick Coreas „Spain“, die Jazzrock- und Latinrhythmen à la „Return To Forever“ sowie Erinnerungen an den Brassrock von Blood, Sweat & Tears sowie die Arrangements der Bands, in denen er bereits Mitglied war, durch.
Dies alles entspricht dem europäischen Bigbandsound der frühen 1970er Jahre, der sich zusehends von dem der amerikanischen Vorbilder emanzipierte. So unterlegen Fritz Pauer, Peter Trunk und Tony Inzalaco an Flügel und Keyboards, elektrifizierten Bass und Schlagzeug eine von Rock und Latin beeinflusste Basis, über die sich Goykovich mit ausdrucksstarken Soli und die NDR-Bläser erheben. Prägnantes Satzspiel, Wechsel der Klangfarben, der Sound des e-Pianos, Breaks und Begleitfiguren und der etwas stumpfe Gesamtklang spiegeln eine Zeit, in der sich die Unterhaltungsorchester der Rundfunkanstalten von ihrer alten Basis, der Tanz- und Showmusik, entfernten und Konzerte zu spielen begannen. Das macht die knapp siebenunddreißigminütige Suite zu einem wichtigen Klangdokument aus jenen Umbruchsjahren.

Werner Stiefele, 16.11.2019



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