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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



Man soll es nicht glauben: Selbst Charles Gounods populäre „Faust“-Oper kennt heute kein Musiktheaterfan mehr in der Urfassung von 1859, sondern nur in der zehn Jahre jüngeren, rezitativischen Grand-Opéra-Version mit Ballett. Dabei ist das Original witziger, wendiger, weniger fett. Michel Plasson hat 1990 seiner „Faust“-CD-Aufnahme als Appendix Teile der Urfassung angehängt, doch 2018 waren die im Rahmen des Pariser Palazzetto-Bru-Zane-Festivals für Gounods 200. Geburtstag erstmals als organische Fassung im Rahmen einer konzertanten Aufführung zu hören. Rund und flexibel klingen die schmal besetzten Les Talens Lyriques unter ihrem Chef Christophe Rousset, ergänzt um den Chor des flämischen Rundfunks. Dies ist ein „Faust“ in vier Akten, mit gesprochenen Dialogen, die nachkomponierte Valentin-Arie erscheint nur als Thema in der Ouvertüre. Zum ersten Mal erklingt wieder im Prolog ein Terzett, ein Zwiegesang von Wagner und Siebel, im zweiten Akt ein Duett zwischen Valentin und Marguerite, ein anderes Chanson des Méphistophélès statt des Rondos vom Goldenen Kalb, eine Romanze des Siebel und einige mélodrames. Nicht alle sind Verbesserungen gegenüber der späteren Fassung, aber gut, sie einmal im Kontext gehört zu haben. Und man stellt fest: Vor allem die Nebenfiguren bekommen durch die Dialoge mehr Profil, und Mephisto erweist sich als zynischer Bonvivant, den der hellstimmige Andrew Foster-Williams auch so singt. Véronique Gens’ Stimme ist arg dunkel für die Marguerite, aber sie tönt voll Wärme, Melancholie und Zartheit. Wonniglich klar, mit perfekter Diktion singt Benjamin Bernheim den Faust als Durchschnittseele, aber mit verzaubernder voix mixte. Jean-Sébastian Bou ist ein lyrischer Valentin, Juliette Mars ein kecker Siebel, Ingrid Perruche eine ältlich-geile, verklatschte Marthe.

Matthias Siehler, 28.09.2019



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