Es war schon eine faustdicke Überraschung, dass man Martha Argerich und ihren prominent besetzten Musikertross in Lugano einfach ziehen ließ. Aber da der bisherige Sponsor des seit 2002 hier stattfindenden Festivals „Progetto Martha Argerich“ nach 14 Jahren die Schatulle schloss, war es zugleich vorbei mit dieser jährlich stattfindenden Kammermusik-Gala. Immerhin bot sich der argentinischen Pianistin schnell ein neues Zuhause – in Hamburg, wo sie bereits 2018 quasi ihr altes Kammermusik-Festival wieder auferstehen lassen konnte. Über eine Woche dauerte der in Zusammenarbeit mit den Hamburger Symphonikern veranstaltete Konzertreigen, bei dem neben Argerichs musikalischen Familienmitgliedern wie Cellist Mischa Maisky und Pianistin Lilya Zilberstein nicht nur zahllose junge und gestandene Persönlichkeiten à la Sergei Nakariakov, Guy Braunstein und Tochter Annie Dutoit gastierten. Einen Abend bestritt die Patronin gar an der Seite von Bariton Thomas Hampson, der Schumanns „Dichterliebe“ sang.
Natürlich fehlt auch dieses Zusammentreffen nicht auf der umfangreichen CD-Dokumentation der Festival-Premiere 2018. Leider gehört es auch aufnahmetechnisch zu den wenig erfreulichen, gar enttäuschenden. Erstaunlich, wie Hampson gesangstechnisch überhaupt keinen Zugriff auf diesen Klassiker bekam, während Argerich ebenso in ihre neue Rolle als Liedbegleiterin nur schwer hineinfand. Im Schnitt bestand der Jahrgang 2018 aus reichlich Höhen und Tiefen. Vom Repertoire her boten die Musiker in den verschiedensten Besetzungen wenig Neues, standen neben dem schon obligatorischen „Karneval der Tiere“ von Saint-Saëns Duo-Sonaten von Brahms und Rachmaninow, Beethovens Tripel-Konzert sowie Klavier-Arrangements etwa von Debussy-Klassikern wie „Der Vormittag eines Fauns“ auf dem Programm. Vieles von dem wurde gerade einmal routiniert geboten. Und trotzdem gibt es dazwischen auch manche Sternstunden des Kammermusikspiels zu entdecken. Dazu gehört das ungemein bewegende Geigenspiel der Brahms-Interpretin Akiko Suwanai. Bei Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2 bot hingegen Argerich mit Geiger Braunstein und Cellistin Alisa Weilerstein Schauergeschichten von der menschlichen Seele, bei denen einem heiß und kalt zugleich wird.

Guido Fischer, 28.09.2019



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