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Beautiful Vinyl Hunter

Ashley Henry

Sony 19075891582
(70 Min.)

Schon in den 1960ern unterschied sich die Londoner Jazzszene von der deutschen. Während jenseits des Kanals Jazz- und Rockmusiker ohne Scheuklappen zusammenarbeiteten, verabsolutierte man auf der anderen Seite die Genretrennung. Inzwischen lockerten sich in Deutschland die Grenzen. Auf der britischen hingegen blieb es bei der tradierten Offenheit: Mainstream-Jazz, Entertainment, Rock, HipHop und Rap können bedenkenlos kombiniert werden. Genau dies macht der 26-jährige Pianist Ashley Henry auf seinem internationalen Debütalbum „Beautiful Vinyl Hunter“.
Mag sein, dass der Brite alte, schöne Vinyls sammelt. Denkbar wäre es, denn sein Klavierspiel und seine Songs verraten gründliche Kenntnisse der Jazztradition und der gegenwärtigen Trends. In „Star Child“ und „Lullabye“ unterlegt er der Sängerin Judi Jackson dezenten Jazzpop, während „Realisations“ ein wildes Rhythmen-Geflecht in kraftvolle Grooves packt. „Between The Lines“ vereint HipHop, den Rap von MC Sparx und weiche Trompetenklänge von Keyon Harold, und in „Introspektion“ bläst der Trompeter Theo Croker weit geschwungene, an die späten 1950er erinnernde Trompetenmelodien.
Ähnlich vielfältig geht es weiter. Joshua Idehen rapt in „Colors“ über die Entwicklung der multikulturellen Londoner Musikszene seit den 1960er Jahren, während „Cranes (In The Sky)“ hippelige Beats mit Klavier-Trance vereint, wie sie McCoy Tyner Ende der 1960er in die Konzertsäle brachte. Hier ist Ashley Henry ebenso wie in allen fünfzehn Stücken weit von Plagiaten entfernt. Die Bezüge bilden jeweils nur den Hintergrund für eigenständige, aktuelle Trends integrierende Stücke. Mal kommen Anklänge an die großen Entertainer auf, mal Erinnerungen an die Frühformen von Jazzrock und Fusion sowie die Blütezeit des expressiven akustischen Spiels. „Jazz re-freshed“ und „Silvertone“ hießen die Labels, auf denen Ashley Henry seine Musik veröffentlichte, bevor ihn Sony unter Vertrag nahm. Nach diesem Debüt bei einer Major Company wird sich zeigen, in welche Richtung Ashley Henry weiter geht: zum gefälligen Popjazz oder zur anspruchsvollen Erweiterung des Jazz. Der „Beautiful Vinyl Hunter“ deutet beide Möglichkeiten an.

Werner Stiefele, 14.09.2019



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