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Rubberband

Miles Davis

Rhino/Warner 0603497850785
(62 Min., 10/1985 - 1/1986)

Ein neues, bislang unveröffentlichtes Album von Miles Davis! Die Meldung dürfte eingefleischte Jazzpuristen allerdings weniger elektrisieren als die Nachrichten über die Funde der verschollenen Monk- und Coltrane-Aufnahmen in letzter Zeit.
Denn „Rubberband“ wurde nicht in der goldenen kanonisierten Ära der improvisierten Musik eingespielt, sondern zwischen 1985 und 1986. Zudem wurden die Jahrzehnte in den Archiven von Warner vor sich hinschlummernden Tracks gehörig aufbereitet: Die auch schon bei den ursprünglichen Studiosessions anwesenden Bearbeiter Randy Hall, Zane Giles und Davis-Neffe Vince Wilburn jr. fügten nachträglich die Sängerinnen Ledisi und Lalah Hathaway hinzu und schreckten auch vor dem Einsatz gegenwärtiger Soundeffekte nicht zurück.
All das macht es schwer, den visionären Aspekt des Albums zu bestimmen. Nahm Miles mit dem pumpenden Calypso-Schunkler „Paradise“ den Brazilectro vorweg? Hatte er mit R&B-Songs wie „So Emotional“ schon diese geschickte Verbindung von Pop und Sophistication im Kopf, die Quincy Jones vier Jahre später mit „Back On The Block“ so gut gelang? Wohl eher nicht. Am deutlichsten werden die heutigen Eingriffe in der Auftaktnummer „Rubberband Of Life“: Die klingt mit ihren Gitarrensamples und dem HipHop-Beat ganz klar nach den 1990ern.
Dennoch ist das Album aus mehreren Gründen eine spannende Angelegenheit: Das Material zeigt deutlich Davis' Bereitschaft, den auf der Platte „You're Under Arrest“ mit seinen Versionen von Pop-Songs wie Cyndi Laupers „Time After Time“ eingeschlagenen Weg Richtung Charts konsequent weiterzugehen. Die Einflüsse von Prince, Cameo oder DeBarge sind nicht zu verleugnen, und mit „I Love What We Make Together“ gibt es gar die perfekte Kopie eines typischen Al-Jarreau-Songs aus den 80er Jahren (Jarreau sollte das Stück auch ursprünglich singen; da er verhindert war, hört man Randy Hall nun als dessen Klon).
Während Davis die zwischen schwerem Funk und sirrenden Bebop-Themen mäandernden Instrumentals „Maze“, „Carnival Time“ und „The Wrinkle“ offenbar so sehr mochte, dass er sie in den folgenden Jahren immer wieder bei Konzerten spielte, rührte er die auf Radio-Airplay zielenden R&B-Nummern der „Rubberband“-Sessions hinfort nicht mehr an. Eine kluge Entscheidung: Mit der kurz darauf erschienenen Einspielung „Tutu“, seinem Debüt für Warner, nach der Trennung im Zorn von Columbia, zeigte er auf viel bessere Weise, dass er sich am Puls der Zeit befand.
Dennoch ist „Rubberband“ nicht ohne. Es sind einige der besten Soloäußerungen des Alt-Meisters nach seinen finsteren Jahren der Trompetenabstinenz zu vernehmen (man höre etwa die geschmeidige Rasanz auf dem ungestopften Horn in „I Love What We Make Together“). Und außerdem birgt das Booklet eine Sensation: das ungewohnte Bild eines lieb lächelnden Miles Davis. Also sollten auch wir fröhlich sein – und für den unverhofften Fund danken.

Josef Engels, 07.09.2019



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