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Harp vs. Harp

Edmar Castaneda, Grégoire Maret

ACT/Edel 1090442ACT
(48 Min., 9/2018)

Der in der Schweiz geborene und in New York lebende Grégoire Maret ist zweifellos einer der gefragtesten Mundharmonikaspieler der aktuellen Jazz- und Popszene. Man konnte ihn schon an der Seite von Cassandra Wilson, Herbie Hancock, Marcus Miller und Sting hören; Pat Metheny bezeichnet ihn als „einen einzigartigen Musiker, der mit der Mundharmonika im Jazz aufregende neue Wege erkundet.“
Und genau das tut Maret auch auf seinem Debüt für die Plattenfirma ACT: Der Schweizer begnügt sich nicht damit, sein virtuoses und in seinem süßen Schweben zwischen einem Lächeln und einer Träne an die Legende Toots Thielemans erinnerndes Spiel in den Vordergrund zu stellen.
Ganz im Gegenteil: Maret hat sich mit dem ebenfalls in New York beheimateten Kolumbier Edmar Castaneda einen Anspielpartner ausgewählt, der es in puncto Außergewöhnlichkeit locker mit ihm aufzunehmen vermag. Als Jazz-Harfenist könnte Castaneda einem Instrument im modernen Jazz zum Durchbruch verhelfen, das ungeachtet von Adele Girard, Alice Coltrane und einigen jüngeren Exponentinnen immer noch einen Exotenstatus einnimmt.
Der Südamerikaner produziert keine Sphärenklänge oder fein perlende Swing-Glissandi, sondern macht die Harfe zu einem Groove-Monster. Mit handfesten Bässen, die nach Latin-Art pulsieren, perkussiven Handwischern, die Richtung Flamenco verweisen, Westerngitarren-Twang und überwältigenden Griff-Kaskaden definiert Castaneda das Instrument unerhört neu – ungefähr so, wie es Jaco Pastorius mit dem E-Bass tat oder Béla Flack mit dem Banjo. Es passt vor diesem Hintergrund, dass Letzterer als Gastmusiker neben der kolumbianischen Tango-Sängerin Andrea Tierra munter in der „Harp vs. Harp“-Konstellation mitmischt.
Mögen sich die beiden Saitenderwische in Stücken wie „Santa Morena“ des brasilianischen Mandolinisten Jacob do Bandolim wie zwei verrückt gewordene Autobahndrängler auch ständig gegenseitig von rechts überholen – zu einer bizarren Leistungsschau sträflich unterschätzter Musikinstrumente verkommt das Album nicht.
Es liegt an Marets Seelentiefe im Spiel auf der chromatischen und der Akkord-Mundharmonika. Und an Nummern wie Charlie Hadens „Our Spanish Love Song“ oder Marets „Hope“, die in schwermütiger Schönheit erstrahlen. „Harp vs. Harp“ ist somit kein Duell oder Showdown, sondern ein kameradschaftliches Ausloten der gemeinsamen Möglichkeiten zweier Spitzenmusiker.

Josef Engels, 13.07.2019



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