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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Lost River

Michele Rabbia, Gianluca Petrella, Eivind Aarset

ECM/Universal 7745607
(45 Min., 1/2018)

Eivind Aarsets Nimbus ist es, als einer der Pioniere die skandinavische Elektrojazz-Revolution der Jahrtausendwende vorangetrieben zu haben. Im Trio mit den beiden Italienern Michele Rabbia an der soundverfremdeten Percussion und Gianluca Petrella an der Posaune spielt der stille norwegische Gitarrist geschickt mit möglichen Erwartungshaltungen.
„Nimbus“ heißt das Eröffnungsstück des ersten gemeinsamen Albums. Damit ist aber nicht der vorauseilende Ruhm gemeint, sondern die lateinische Ursprungsbedeutung des Wortes: die regengebende dunkle Wolke. Entsprechend naturhaft unurban sind die Klänge, die das Trio im Rahmen seiner weitestgehend improvisierten Stücke produziert. Allesamt tragen sie in ihren Titeln einen Bezug zum Wasser in seinen verschiedensten Ausprägungen als Kulturbringer, Zerstörer oder Element des ewigen Dahinfließens.
Der Hörer bekommt hier und da ein paar Planken zu fassen, an denen er sich festhalten kann. Mal sind es sparsam angeschlagene Gitarrenakkorde wie in „What Floats Beneath“. Mal eine Posaune mit Wah-Wah-Effekt auf einem aus angedeuteten Swing- und Funkrhythmen konstruierten Floß wie in „Night Sea Journey“. Meistens aber wird man auf Assoziationswellen fortgetragen.
Dann kommt es einem so vor, als versuche Schlagwerker Rabbia, in einer dumpf hallenden Tropfsteinhöhle erfolglos ein Streichholz zu entzünden oder als krame er in seinen Hosentaschen nach Kleingeld. Und was er da in „What the Water Brings“ zum Knistern bringt – ist es eine der Plastikfolien, die unsere Weltmeere verseucht?
Petrellas Posaune hingegen weckt Erinnerungen an einen Wal oder an einen melancholischen Fischer, der traurig sein Nachtlied summt, zuweilen sogar multiphonisch. Und Aarsets Gitarre wechselt proteushaft die Gestalt – sie ist ein wimmernder Ertrinkender, ein synthetischer Ozean, eine Laute, die Meeresungeheuer besänftigt.
Wegen des Gedankenkinos, das diese Musik im Kopf auslöst, verzeiht man ihr gerne ihr gelegentliches Abtauchen in Ambient-Gemeinplätze. Hier wird kein neuer Nimbus geschaffen, aber auch kein alter beschädigt.

Josef Engels, 06.07.2019



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