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KingMaker

Joel Ross

Blue Note/Universal 7755528
(76 Min.)

Aus der ohnehin übersichtlichen amerikanischen Vibrafonistenszene waren in letzter Zeit lauter schlechte oder alarmierende Nachrichten zu vernehmen: Gary Burton verkündete 2017 seinen Gang in den Ruhestand, Dave Samuels verstarb im April, und Roy Ayers musste kürzlich mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren werden (es soll ihm aber wieder passabel gehen).
Wie gut ist es da, dass sich mit Joel Ross ein Mittzwanziger aufmacht, das Erbe seiner Vorgänger an den Malletts virtuos und fantasievoll zu verwalten. Sein Blue-Note-Debüt beginnt der Stefon-Harris-Adept mit schillernden Klangwolken, die an Burton erinnern, zeigt rhythmische Schärfe, wie man sie von Ayers kennt, und ist durchzogen von einnehmenden Melodiewendungen, die auch aus Samuels Zeit bei Spyro Gyra stammen könnten.
Dass die Aufnahme, an der auch die Sängerin Gretchen Parlato in der feingliedrig sich windenden Ballade „Freda‘s Disposition“ mitwirkt, an keiner Stelle zu blumig und verbindlich gerät, verdankt sich Ross‘ Band „Good Vibes“. Altsaxofonist Immanuel Wilkins beherrscht den Biss eines Kenny Garrett genauso wie die Schreie eines Archie Shepp, während Pianist Jeremy Corren traditionalistischen Hardbop mit einem Schuss Wahnsinn aus dem Paralleluniversum eines Cecil Taylor mischt. Bassist Benjamin Tiberio sorgt mit seinem sonor-kraftvollen Spiel nicht nur für Ordnung in den metrisch oftmals vertrackten Kompositionen des Bandleaders, sondern klingt auch wie ein Charles Mingus für die R&B-Gegenwart.
Wäre da noch Schlagzeuger Jeremy Dutton, der sich als nimmermüdes Kraftwerk entpuppt. Was zum einen seine Mitstreiter zu hitzigen Soli anspornt und „KingMaker“ eine unglaubliche Dichte verleiht, zum anderen aber die Aufnahme mit sehr viel Testosteron überschwemmt.
Da wäre weniger manchmal ein bisschen mehr gewesen, um Joel Ross‘ Künste als Improvisator und als Komponist stärker in den Vordergrund zu rücken. Denn der 23-Jährige, der sich offenbar auch viel mit Philip Glass und Johann Sebastian Bach beschäftigt hat, ist weit mehr als bloß ein hyperaktiver Schlägelartist. Davon künden die tonal und atmosphärisch wie Geister im Jenseits schwebenden Stücke „Grey“ oder „It‘s Already Too Late“. So oder so muss man sich um die Zukunft des Vibrafons im amerikanischen Jazz keine Sorgen machen.

Josef Engels, 01.06.2019



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