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Modern Times

Elliot Galvin

Edition Records/H'art-Membran EDN1126
(42 Min., 12/2018)

In unseren modernen Zeiten sind Musikaufnahmen zu einer weitgehend risikolosen Angelegenheit geworden: Hier ein Schnitt oder ein Overdub, da eine Pitch-Korrektur – dank digitaler Technologie geht das alles wie von Geisterhand. Der britische Pianist Elliot Galvin hat sich gemeinsam mit seinem Bassisten Tom McCredie und seinem Schlagzeuger Corrie Dick zu einem radikalen Gegenentwurf entschieden. Das dritte Album des Trios wurde in einem darauf spezialisierten Studio in den Niederlanden direkt auf Vinyl aufgenommen. Im Prinzip spielten die Briten die Musik so ein, wie man es zum letzten Mal vor den 1930er Jahren getan hatte.
Und obwohl dieses Vorgehen ein hohes Maß an Konzentration erfordert, wirken die Stücke keinesfalls gebremst oder auf Nummer sicher getrimmt. Es dominiert vielmehr eine Experimentierfreude, die Galvin dazu verleitet, Operationen am offenen Klavierherzen vorzunehmen, McCredie seinen gestrichenen Bass auf verschiedenste Arten grollen zu lassen oder Dick dazu ermuntert, in eine Rappelkiste voller Metallteile, Münzen oder Rasseln zu greifen.
Dabei wirken die Kompositionen erstaunlich geschlossen. Mal zitieren sie augenzwinkernd die Remixkultur, wenn im Albumauftakt „Ghost“ mit seinen treibenden Achteln im Bass plötzlich die Drums aussetzen, mal gemahnen sie an einen amerikanischen Folksong, in dem die bearbeiteten Klaviersaiten wie eine Slidegitarre erklingen („Into The Dark“).
Überhaupt erweist sich die Bandbreite des Materials als äußerst reizvoll: Die reicht vom prämodernen Bluesrock in „Gold Shovel“ über Steve-Reich-Pattern, eigenwilligen Verbeugungen vor Thelonious Monk („Mr. Monk“) oder Abdullah Ibrahim („Jackfruit“) bis hin zu spanischen oder lateinamerikanischen Einflüssen, wo dann auch mal gemeinsam rhythmisch geklatscht wird wie bei einer Flamenco-Veranstaltung.
Wer sich bei dem Albumtitel „Modern Times“ an Charlie Chaplin erinnert fühlt, kann das übrigens gerne tun. Und das nicht nur, weil Galvin mit seinen skurrilen Akkorderkundungen und manuell manipulierten Bassklängen (etwa in „Shadow“) immer mal wieder in eine Fließbandmaschine zu geraten scheint. Auch das virtuose Understatement, der Humor und die ohne Zeigefinger auskommende zeitgeistkritische Grundhaltung lassen an den Filmklassiker denken. Ähnlich unterhaltsam ist die unerschrocken unmittelbar aufgenommene Einspielung der drei Briten auf jeden Fall.

Josef Engels, 04.05.2019



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