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Franz Liszt

Via crucis

Collegium Vocale Gent, Reinbert de Leeuw

Alpha/Note 1 ALP390
(50 Min., 6/2017)

Der erbitterte Richtungsstreit um die angemessene musikalische Gestaltung der katholischen Liturgie, ausgetragen zwischen den „Neudeutschen“ und den „Cäcilianern“, weist im Rückblick weitaus weniger klar konturierte Grenzlinien auf als einstmals von den Kontrahenten behauptet: Ein zu den „Konservativen“ gezählter Protagonist wie Rheinberger etwa wurde von beiden Lagern gleichermaßen abgelehnt – und Franz Liszt, eigentlich ein Hauptvertreter der „Fortschrittlichen“, verwirrt immer wieder durch seine Doppelgesichtigkeit. So ist sein Zyklus „Via crucis“ einerseits sicherlich geprägt von einer subjektiven – oder, aus cäcilianistischer Sichtweise, „subjektivistischen“ – Betrachtung der Leidensstationen Christi auf dem Weg nach Golgatha. Aber dieser „Subjektivismus“ ereignet sich nicht innerhalb eines gleißnerischen Feuerwerks der Klangfarben und der Virtuosität, sondern äußerlich auf beklemmend reduzierte Weise: Brüchig ist die Satzstruktur, vergleichsweise klein – Vokalensemble, sparsam eingesetzte Soli, ein begleitendes Tasteninstrument – ist die Besetzung. Romantische Virtuosität gibt es überhaupt nirgends. Dafür zitiert Liszt Gregorianik, damit an das älteste musikalische Repertoire der Kirche anknüpfend. Eine hochkonzentrierte musikalische Meditation ist das Ergebnis, geprägt u. a. auch von langen Instrumentalsoli, wo den Sängern angesichts des bitteren Leides die Worte abhandengekommen zu sein scheinen. Reinbert de Leeuw am Klavier – es handelt sich um die Frühfassung des ansonsten gewöhnlich mit Orgel oder Harmonium aufgeführten Werks – und eine handverlesene Sängerbesetzung des Collegium Vocale Gent machen das in seiner Kargheit zutiefst bewegende Stück zu einem tiefgehenden Erlebnis vorösterlicher Versenkung. Auferstehungsjubel ist hier noch nicht erahnbar, stattdessen herrschen Agonie und Schreckensstarre. Eine großartige Interpretation eines bemerkenswerten Stückes.

Michael Wersin, 13.04.2019



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