Kein Komponist ist robuster als Bach; selbst mittelwertige Aufführungen können ihn retten. Bei keinem indes fällt es schwerer, eine wirklich superiore Aufnahme zu finden. Vielleicht liegt es daran, dass die Dirigenten es allen recht machen wollen. Die vorliegende Matthäus-Passion – Höhepunkt eines Zyklus mit dem Bachchor Mainz – will das nicht. Sie verzichtet offensiv auf alles Erschütterungspotential. Kein Pathos, keine barocken Schauereffekte, auch keinerlei pietistische Verkniffenheit! Selten hörte man eine so entspannte, in sich ausgeglichene, aus der Zuversicht schöpfende Passion.
Das Bachorchester Mainz spielt auf historischen Instrumenten, doch alle Schnappatmung und aller Darmsaitenkatarrh sind fort. Wie üblich bei Dirigent Ralf Otto, verströmt der Sopran (Julia Kleiter) mädchenhaftes Licht. Auch Gerhild Romberger, unterschiedlich gut disponiert, ist ein sehr hellstimmiger Alt. Mit anderen Worten: Pastellfarben überwiegen. Und Georg Poplutz als Evangelist klingt wie ein Peter Schreier, bei dem endlich die Nase wieder frei geworden ist.
Die Tempi sind gemessen, überhaupt wird hier so viel Sicherheit, fast Heiterkeit ausgestrahlt, dass eine leicht sedierende Wirkung nicht ausbleibt. Lounge-Bach, sei mir willkommen! Damit ist die Aufnahme ein Beweis dafür, wie Radikalität auch im Vermeiden der Extreme erzielt werden kann. Dies ist, angesichts der Tatsache, dass die Welt auf keine neue Matthäus-Passion gewartet hatte, ein sehr reputierliches Ergebnis.

Robert Fraunholzer, 06.04.2019



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