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Move On: A Sondheim Adventure

Cyrille Aimée

Mack Avenue/in-akustik 0321144
(50 Min., 4 & 5/2018)

Obwohl die 1984 in Frankreich geborene und mittlerweile in New Orleans lebende Sängerin Cyrille Aimée als Gewinnerin der Montreux Jazz Festival Competition und als Finalistin der renommierten Thelonious Monk International Jazz Competition bereits einige beeindruckende Erfolge vorweisen kann, ist sie hierzulande ein noch unbeschriebenes Blatt.
Das könnte sich mit ihrem inzwischen elften Album ändern. Denn auf „Move On“, ihrer Verbeugung vor dem Musical-Erneuerer Stephen Sondheim, zieht die Französin mit den karibischen Wurzeln alle Register ihres Könnens. Beim a cappella vorgetragenen Intro „When I Get Famous“ verwandelt sie sich in einen beatboxenden Ein-Frau-Chor à la Take Six und scattet das Blaue vom Himmel. Für „Take Me To The World“ zieht sie eine Big Band hinzu, um mit ihr gemeinsam in die brodelnde Musikkultur ihrer neuen Wahlheimat New Orleans einzutauchen.
Stilistisch enorm breit aufgestellt geht es weiter: Mal nutzt Aimée ein Quartett von Streichern mit einem im Stil von Stéphane Grappelli auftrumpfenden Jazzgeiger („Love, I Hear”) als Grundlage für ihre Sondheim-Annäherungen, mal ein im Stil der 1970er-Jahre agierendes Begleittrio mit glockigem E-Piano und schnurrendem Fretless-Bass („Not While I'm Around”). Ihren französisch-karibischen Erbanteil lässt sie bei der Gypsy-Swing-Version von „So Many People“ oder dem afrokubanisch-schwungvollen „Being Alive“ durchscheinen. Samba, Motown-Soul, spiritueller Coltrane-Impressionismus oder verträumter Musical-Jazzpop gehören ebenso zu dem Ausdrucksspektrum der Sängerin, die vor jedem Hintergrund mit ihrer mädchenhaft-verschlagenen Stimme eine souverän-verspielte Figur macht.
Sondheims Texte, die unkonventionell die Beziehungsneurosen und Bindungsprobleme der Babyboomer verhandeln, kommen jedoch ein wenig zu kurz. Für allzu verstörende Zwischentöne ist (vielleicht mit Ausnahme der geheimnisvollen Ballade „I Remember“) kaum Platz in Aimées Gute-Laune-Potpourri. Dennoch: Wenn die Einspielung neugierig macht auf den außerhalb der USA viel zu wenig gewürdigten Musical-Querdenker, dann hat sie ihren Dienst im Vorfeld von Sondheims 90. Geburtstag im nächsten Jahr schon getan.

Josef Engels, 30.03.2019



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