Natürlich lesen wir das gerne: Wie schön, bildhaft und poetisch Miltons Gedichte seien, wird der Kommentator im CD-Beiheft nicht müde zu betonen. Tatsächlich aber lebt das eigentümlich zwischen Oper, Ode und Oratorium hin- und her-zwitternde Werk, das Händel als Fünfundfünzigjähriger schrieb, von dem, was der Komponist aus dem Text macht. Ich gebe jedenfalls gerne zu, dass mich der allegorisch-pastorale Dialog zwischen Extro- und Introvertiertheit, der die Gedichte prägt, vollkommen kalt lässt. Und dass ich es deshalb umso erstaunlicher finde, was Händel mit der grundsätzlich so starren und undramatischen Vorlage anstellt.
      Denn "L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato" ist tatsächlich nicht nur ein anrührendes Stück, sondern auch ein höchst theatralisches, ein (auf nahezu romantische Weise) empfindsames, ein sinnliches und enorm bildhaftes noch außerdem. Vor allem wie Händel hier die Sonne aufgehen lässt, wie er Kuckuck und Nachtigall singen und dabei die mit den Orchesterbläsern konkurrierende Sopranistin in Bedrängnis bringt (Christine Brandes gelingt es allerdings sehr gut, diesen Eindruck zu vertuschen): Das weist ihn als einen Komponisten aus, der auf faszinierende Weise Natur-Ereignisse in Töne zu fassen versteht.
      Und nicht nur das: Lustiger als hier ist das Lachen wohl nirgends musikalisch in Szene gesetzt worden. Dass Händel noch manches mehr bunt durcheinander wirbelt und dabei die in den Texten exponierten Kontraste genüsslich auswaidet, spiegelt sich auch in der Interpretation wider: Das Ensemble Orchestral de Paris spielt unter John Nelsons Leitung effektvoll mit der Vielzahl an rhythmischen, metrischen und koloristischen Varianten, die Händels Partitur vorgibt - und das Sänger-Ensemble ist wie die Instrumentalisten einer darstellerischen Emphase verpflichtet, die selbst dem inhaltlich wie formal und stilistisch etwas faderen angefügten dritten Text-Teil Charles Jennens' Sinn und Bedeutung verleiht.

Susanne Benda, 02.11.2000



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