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Francesco Pratella, Gian Francesco Malipiero, Alberto Savinio, Alfredo Casella, Silvio Mix

Futurismus & Frühe italienische Avantgarde

Steffen Schleiermacher

MDG/Naxos 613 2112
(64 Min., 2018)

Zu den schon fast kultisch verehrten Bewegungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts radikal mit der Tradition brechen und nicht zuletzt die Künste auf links drehen wollten, gehört der italienische Futurismus. Zu seinen Ikonen zählt aber nicht nur sein geistiger Vater Marinetti, sondern auch Luigi Russolo. Und wenngleich Russolo von Hause aus Maler war, so gilt er dank seiner Geräusch-Experimente bis heute quasi als Pate einer futuristischen Musik. Auf dem Papier gebührte dieser Rang aber eigentlich Francesco Pratella, der seine Forderungen und Visionen 1911 in seinem „Manifest der futuristischen Musiker“ formuliert hatte. Mit „La battaglia“, einem von Pratella für Klavier arrangierten Teilstück aus dem Orchesterzyklus „La guerra“, eröffnet nun Steffen Schleiermacher auch sein Klangporträt der italienischen 1910er & 1920er Jahre. „Die Schlacht“ und „Der Krieg“ – diese Sujets spiegeln natürlich die Schwärmerei der italienischen Futuristen für alles Militärische wider. Und mit großem Getöse mag Pratella da mit seinem Werk in die Schlacht gezogen sein. Wobei so manche eingestreuten grotesken Rhythmen stark an Erik Satie erinnern. Überhaupt ist gerade Pratella das beste Beispiel dafür, dass die radikale Aufbruchsstimmung sich so gar nicht in Neuerungen der damaligen Klangsprache niedergeschlagen hat (Pratella sollte ja sogar Pietro Mascagni als vorbildlichen Rebellen bezeichnen!). Und gleichgesinnte Gefolgsleute, die einen Schritt mutiger gewesen wären, scheint es ebenfalls nicht gegeben zu haben.
Zumindest kann man dies aus Schleiermachers Komponistenauswahl schließen. Neo-romantisch geht es in den „Preludi autunnali“ von Gian Francesco Malipiero zu, der sich seinen Platz in der Musikgeschichte ja eher als Monteverdi-Entdecker gesichert hat. „Les chants de la Mi-Mort“ des Schriftstellers und Hobby-Komponisten Alberto Savinio besitzt immerhin freche bis kokette Reize. Das knapp halbstündige Klavierstück „La notte alta” von Alfredo Casella ist ein geheimnisvolles, tiefdunkles, in seiner Kargheit an den späten Liszt erinnerndes Klangpoem. Und von dem gänzlich unbekannten Silvio Mix hat Schleiermacher zwei „Stati d´animo“ ausgegraben, die wie eine sehnsuchtsvolle Hommage an ein arkadisches Idyll wirken. All diese Werke erzählen dank Schleiermacher die kaum geläufige Geschichte vom italienischen Futurismus bzw. einer frühen italienischen Avantgarde, die von den parallel verlaufenden Klangrevolutionen in Russland, Deutschland und Österreich dann doch abgehängt wurde. Vorausgesetzt, man lässt Luigi Russolo außen vor.

Guido Fischer, 02.03.2019



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