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Æ

Anton Eger

Edition Records/H'art/Membran EDN 1122
(43 Min., 5/2018)

Man liegt nicht ganz richtig, wenn man den Titel von Anton Egers Solo-Debütalbum bloß als Namenskürzel auffasst. Denn hinter dem Diphtong „Æ“ verbirgt sich vielmehr ein ästhetisches Konzept. Denn so ähnlich, wie sich die beiden Vokale ineinander verschränken und ineinander aufgehen, schafft der skandinavische Schlagzeuger mit seinen Kompositionen zwitterartige Gebilde in der Schwebe zwischen Electronica, Retrosounds, Bastelkeller und Freakshow.
Seine Stücke, die ebenfalls rätselhafte Doppelnamen wie „HERbgA“ oder „Oxford SupernovajC“ tragen, nehmen sich wie mehrfach übermalte Bildcollagen aus, in denen sich die Schichten überlagern, einzelne Figuren aus alten Überarbeitungsphasen sichtbar werden und die rissigen Kanten genauso wichtig sind wie die wirren geometrischen Linien auf der Leinwand.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das alles vibriert, groovt und macht auf eigentümliche Weise Spaß. Es gibt feine Melodiefragmente und poppige Mitwippmomente wie etwa in „Ioedwltohp“ (übrigens mit dem deutschen Schlagzeug-Unikum Christian Lillinger), großartige Moog-Soli von Niels Broos sowie an David Bowie mahnende Momente („SugaruzdPt“).
Aber immer, wenn etwas zu konventionell werden könnte, ändert Eger die Schlagzahl oder die sonische Umgebung. Er lässt Saxofone gurgeln, Orgeln ächzen, holt einen „Super Mario“-Soundtrack aus der verstaubten Kiste vom Dachboden, klopft auf Plastik oder verwandelt sein Drumset in eine wild davon preschende Büffelherde. Und wenn zum Albumabschluss „SufflöR +++ Sb“ die Französin Juliette Marland charmant Beiläufiges parliert, wird ihre Stimme irgendwann durch einen Vocoder gejagt und in den roboterhaften Harmoniegesang einer Mensch-Maschine verwandelt.
Keine Frage – dem Schlagzeuger, der durch das Trio Phronesis bekannt wurde, ist mit „Æ“ ein wahnwitziges Hybrid gelungen, das seinen Namen völlig zurecht trägt. Als Hörer ruft man jedenfalls ständig: „Äh!?“

Josef Engels, 23.02.2019



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