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One Night In Karlsruhe

Michel Petrucciani

SWR-Jazzhaus/Naxos JAH 476
(78 Min., 7/1988)

Wer mit Michel Petrucciani sprach, lernte einen lebensbejahenden, durchsetzungsfähigen Menschen kennen. Dann waren die Kleinwüchsigkeit und sein größtes Handicap, die Glasknochenkrankheit, nur noch nebensächlich. Dass man ihn auf das Handicap ansprach, mochte er indessen nicht. Er lebte damit, er setzte sich darüber hinweg, er hatte seine Arrangements getroffen. Wenn die Wege lang und stufenreich waren, ließ er sich auf die Bühne tragen, und weil die Beine nicht von der Klavierbank bis zu den Pedalen reichten, hatte er stets eine Konstruktion dabei, um sie auf ihm entsprechende Höhe zu erhöhen.
Wenn er spielte, war er ohnehin einer der ganz Großen. Dann perlten die Töne aus dem Flügel, ballten sich zu dichten Trauben, und wie seine souveräne linke Hand den Tonfolgen der rechten intensive Rhythmen und Melodiefiguren entgegensetzte, ließ alle körperlichen Unterschiede zu normalwüchsigen Pianisten vergessen. Er führte seine Bands, er gab die Entwicklungsrichtung der Stücke vor, reagierte aber auch intuitiv auf jede Veränderung in der Rhythmusgruppe.
Beim Konzert vom 7. Juli 1988 im Karlsruher Jugend- und Begegnungszentrum (Jubez) hatte er den Kontrabassisten Gary Peacock und den Schlagzeuger Roy Haynes neben sich: ein perfekt eingespieltes Trio, das einen Abend lang seinen Spaß hatte und dem Publikum Vergnügen bereitete. Mit „13th“, „One Für Us“, „Mr. K.J.“, „She Did It Again“ und „Le Champagne“ standen fünf eigene Kompositionen neben den fünf Standards „Thee Will Never Be Another You“, „In A Sentimental Mood“, „Embraceable You“, „Giant Steps“ und „My Funny Valentine“. Gleichgültig, ob sich Petrucciani den Kitzel gönnt, das Publikum bei einer Eröffnungen mit einer Variation des Themas auf die Folter zu spannen, bis er oder Peacock das Rätsel auflösen, welches Stück es denn nun werden solle, oder ob er gleich in die Vollen geht: Stets blühen die Themen in voller Schönheit auf, werden von schmückenden Figuren umgarnt, zu Höhepunkten gesteigert und an Bass oder Schlagzeug übergeben.
Er war ein Live-Künstler, einer, der wusste, wie man sein Publikum akustisch bezirzt, wie man Spannungen aufbaut und hält und jeden Titel zu einem Wechselbad der Gefühle gestaltet. Dreißig Jahre ist der Konzertmitschnitt nun alt, und noch immer fasziniert, mit welch unendlicher Fantasie und virtuoser Fingerfertigkeit der Franzose improvisiert, wie die Rhythmen federn, wie das Trio die herbeigespielten Kontraste ausbalanciert und wie intensiv die drei miteinander kommunizieren.

Werner Stiefele, 16.02.2019



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