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Vast Potential

RaaDie

Traumton/375 Media 05165792
(40 Min.)

Trompete und Zither. Wer bei dieser Instrumentenkombination an zünftige Volksmusik in einer rustikalen Berghütte denkt, irrt im Fall von Lorenz Raab und Christof Dienz gewaltig. Die beiden gedanklich barrierefreien Österreicher mit Klassikhintergrund (Raab spielt seit 15 Jahren an der Wiener Volksoper, Dienz war Fagottist an der Wiener Staatsoper) sorgen in ihrem Duo RaaDie für reihenweise Aha-Erlebnisse.
Was vor allem an der E-Zither liegt, die Dienz auf alle erdenklichen Arten beklöpfelt, zupft, streicht und anschließend durch die Prozessoren seines Loop-Geräts jagt. Daraus entstehen vielschichtige sonische Gebilde: Trockene Beats wie in dem auf „Vast Potential“ am meisten von der elektronischen Musik beeinflussten „Subtle Sands“, vollenweiderige Harfenklänge, kaputte Steelgitarrensounds, obertonflirrende Walgesänge, näselnde Haltetöne wie von einer indischen Tanpura. Man ist dann ganz überrascht, wenn Dienzens Wunderkiste beim Albumabschluss „Hinterland“ plötzlich tatsächlich wie eine Zither klingt.
Auf dieser reichhaltigen Grundlage kann Lorenz Raab in aller Seelenruhe sein geschmeidiges Trompetenspiel präsentieren, dem man die Schulung durch den Feingeist Kenny Wheeler deutlich anhört. Aber Raab begnügt sich nicht mit glasklaren Sonnenstrahlen oder melancholischem Innerlichkeitshauchen, sondern modifiziert auch seinerseits sein Instrument.
Mal mit Effektgeräten wie einem Harmonizer oder mit verschiedenen Dämpfern, mal mit Atemgeräuschen wie von einem Taucher („Unterwasserfischer“) oder mit mutwilligen Atonalitäten („Flora“). Dass man sich trotz der frei schwebenden Stücke und ihrem digitalen Background nicht ständig an Nils Petter Molvaer erinnert fühlt, zeigt, wie eigenständig Raab und Dienz sind. Wer hätte gedacht, dass Trompete und Zither ein derart großes Potenzial haben?

Josef Engels, 09.02.2019



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