Das Oratorium "Israel in Ägypten" behandelt ein fundamentales Kapitel des Alten Testaments: Die Israeliten sind in Ägypten gefangen und werden zu Sklavenarbeit gezwungen. Moses ist der Auserwählte, der den Ägyptern zunächst die sieben Plagen bringt und Israel schließlich befreit. Berühmt ist der Zug durch das Tote Meer, dessen Wasser Gott eigens für sein Volk auf wunderbare Weise teilte. Händel hat aus dieser Geschichte ein Oratorium gemacht, in dem er mit der musikalischen Darstellung der in der Bibel erwähnten Katastrophen nicht sparte. So folgt auf die Trauer des Volkes Israel eine drastische Schilderung von Hagelstürmen, einer Frosch-Invasion und dem gewaltsamen Tod aller Erstgeborener im Lande Ägypten, bevor der letzte Teil die Siegeshymne anstimmt und den errungenen Sieg feiert.
Da Händel in Zeitnot mit der Fertigstellung geriet, entlehnte er nicht nur Werke anderer Komponisten für seine Partitur, sondern auch die von ihm stammende Trauermusik für Königin Caroline, die den ersten Teil des Stückes bildet. Viele Dirigenten halten diesen ersten Teil für nicht authentisch, und so fehlt er bei den meisten Aufnahmen. Leider: Erst die emotionale Darstellung der Israeliten macht das Oratorium nämlich in seinen drei Teilen dramaturgisch "rund".
In Stephen Cleoburys Einspielung ist der erste Teil begrüßenswerter Weise enthalten. Trotzdem ist das Ergebnis bei aller Akkuratesse in der Ausführung nicht ganz befriedigend. Erfrischend wirkt der Knabenchor in den hohen Stimmen, die Leistung der Solisten ist makellos, auch das leicht hallige Ambiente der King's College Chapel erweist sich als ideale Umgebung für eine Aufnahme. Doch die Einspielung wirkt blockhaft, zu monumental und undramatisch. Das Orchester und der Chor agieren distanziert und steif. Die Höhepunkte - etwa das erste Eingreifen Gottes im Chor "He spake the Word" - bleiben unspektakulär.

Oliver Buslau, 13.07.2000



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