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Sergei Rachmaninow, Alexander Skrjabin, György Ligeti, Sergei Prokofjew

The Berlin Recital

Yuja Wang

DG/Universal 4836280
(65 Min., 6/2018)

Yuja Wang ist ohne Zweifel eines der großen Klavier-Phänomene unserer Tage: Mit perfekter Spieltechnik, großem interpretatorischem Geschick und einer speziellen, nur für sie persönlich funktionierenden Art des Auftretens fasziniert sie ein sehr breites Publikum. Sicher steht für manche musikalischen Laien oder für den eher Klassik-fernen Teil ihres Publikums ihre Auftrittsmasche (Stilettos und Kleider, die einen relativ kleinen Teil ihrer Körperoberfläche bedecken) im Vordergrund. Aber das Fachpublikum würde sich von all diesen Dingen niemals blenden lassen, wäre Wang nicht auch einfach eine erstklassige Pianistin. Darum ist es völlig unbegreiflich, dass sie wohl (wie ich neulich las) gelegentlich als „Lang Lang im Kleid“ verunglimpft wird: Der Unterschied zwischen den beiden chinesischen Künstlern liegt ja gerade darin, dass Yuja Wang eine grundsolide, absolut in der klassischen Tradition verwurzelte Interpretin ist.
Genau das beweist sie einmal mehr in ihrem vorliegenden Rezital, das live in Berlin produziert worden ist: Die Reihe der vier Rachmaninow-Klavierstücke beginnt sie mit einem rausschmeißerhaften Hammer (dem g-Moll-Prélude op. 23/V) und arbeitet sich dann konsequent zur ruhigsten und innigsten Nummer (dem Prélude in h-Moll op. 32/X) vor. Dieser antiklimaktische Verlauf in puncto äußere Virtuosität bereitet das Feld vor für die mystisch-versunkene letzte Sonate Alexander Skrjabins, deren verstiegenen Tonfall Wang hervorragend trifft und zelebriert. Erst dann kehrt sie mit drei Etüden György Ligetis zurück zur spektakulären Virtuosität – allerdings zu einer anderen als bei Rachmaninow: Bei Ligeti liegt die Schwierigkeit vor allem in der rhythmischen Komplexität der beängstigend herausfordernden Stücke. Zum Schluss dann die achte Sonate von Prokofjew – ein Stück, das im letzten Satz schließlich eine toccatenhafte funkelnde Brillanz entfaltet. Alles in allem wahrlich kein äußerlich auf Wirkung hin zusammengestelltes Programm, sondern eines, das für den Hörer auch die eine oder andere Hürde bereithält und darum ein tiefes künstlerisches Ausdrucksstreben widerspiegelt, dem alle Äußerlichkeit im Kern fremd ist. Man genieße gern auch die Hülle, aber man verwechsle sie nicht mit dem Inhalt.

Michael Wersin, 19.01.2019



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