Es sind diese Geschichten, die die Barockoper zuhauf geschrieben hat. Junge Prinzessin liebt jungen Prinzen – wobei das Liebesglück von einer gehässigen Alten und Rivalin gestört wird, die noch über magische Zauberkräfte verfügt. Doch alle intriganten Kniffe nützen nichts, es liegen sich die Versprochenen beim Happy-End in den Armen. Genau so eine musikalische Story hat nun die französische Alte Musik-Trüffelnase Hervé Niquet auch dank der tatkräftigen Unterstützung von Benoît Dratwicki vom „Centre de Musique Baroque de Versailles“ nach bestem Wissen um Aufbau und Gehalt der beiden französischen Operngattungen „Tragédie lyrique“ und „Opéra-ballet“ rekonstruiert.
Entstanden ist ein imaginäres Opern-Pasticcio, für das die seinerzeit größten französischen Komponisten ausgewählt worden sind. André Campra („Achille et Déidamie“) und Jean-Philippe Rameau („Hippolyte et Aricie“), Marin Marais („Alcyone“) und Jean-Baptiste Lully („Armide“), aber auch heute vergessene Monsieurs wie Toussaint Bertin de la Doué („Le Jugement de Paris“) und Jean-Baptiste Stuck („Méléagre“) – von ihnen und vielen weiteren Kollegen haben Niquet und Dratwicki Arien, Chöre, Instrumentalsätze aus ihren jeweiligen Musiktheater-Werken nach historischen Vorbildern für diese „Opéra des opéras“ zusammengestellt. Schließlich war es schon beim Sonnenkönig beliebt, aus den Highlights verschiedener Ballette oder Theaterstücke ein „Ballet des ballets“ bzw. eine „Comédie des comédies“ zu collagieren. Im Fall der „Opéra des opéras” stammen die handverlesenen, zum Teil weltersteingespielten Piècen aus den Jahren 1686 bis 1761. Und auch wenn sich im Musikland Frankreich in dieser Zeit einiges getan hatte, fügt sich jede Nummer ins Gesamtklangbild wie angegossen. Zumal die drei Solisten Katherine Watson (als Prinzessin), Karine Deshayes (als Zauberin) und „Prinz“ Reinoud van Mechelen das gesamte Spektrum der französischen Barockmusik-Herrlichkeit unüberhörbar im Blut haben. Wie übrigens auch die großartigen Choristen und Instrumentalisten von Niquets Le Concert Spirituel.

Guido Fischer, 19.01.2019



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