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Days On Earth

Mark Lockheart

Edition Records/Membran EDN 1120
(50 Min., 12/2017)

Mark Lockheart schafft, was nur wenigen Jazzmusikern gelang: Er schrieb mit „Days On Earth“ ein anspruchsvolles Werk für Jazzband und Kammerorchester. 20.711 Tage oder rund 497.000 Stunden war er auf der Welt, so schreibt er im Covertext, als er am 13. Dezember 2017 mit der großen Besetzung ins Studio ging. Warum die Zahlenspielerei? Weil sie verdeutlicht, wie willkürlich die Angabe des Alters nach Jahren ist und daran erinnert, dass das Geschehen in einer Minute zwar bedeutend sein kann, obwohl die reine Dauer gegenüber den rund 300 Millionen Minuten, die Mark Lockheart am Aufnahmedaten schon gelebt hat, winzig erscheint.
Jede der 3.026 Sekunden der siebenteiligen Suite ist vollgepackt mit Empfindungen, Gedanken, Klängen. Dabei zahlt sich seine Erfahrung als Komponist von Filmmusiken, Auftragsarbeiten für Festivals und die NDR-Bigband ebenso aus wie die Mitgliedschaft in verschiedenen Bands, darunter die „Loose Tubes“, „Perfect Houseplants“ und „Polar Bear“. Seine Kompositionen kosten aus, wozu zweiunddreißig Orchestermusiker und eine sechsköpfige Jazzband in der Lage sind: ineinander verschlungene Stimmführungen, wechselnde Klangfarben, verschachtelte Rhythmen, Einbetten der (Jazz-)Solisten in ein durchgearbeitetes Klangpanorama, Arbeit mit Kontrasten in Tempo und Gestus sowie rhythmische Finessen. Die Suite steht in der Tradition der zwischen E(rnster) Musik und U(nterhaltungsmusik) angesiedelten (Unterhaltungs)Orchester aus klassiknahen Streichern und Bläsern – allerdings auf einem weitaus höheren Niveau, als dies in Rundfunkproduktionen, bei denen solche Formationen noch eingesetzt werden, üblich ist.
In „A View From Above“ spiegelt Lockheart durch das Ineinander von flächigen und spitzen Figuren und wie Blicke mit dem Fernrohr auf einzelne Punkte wirkenden Klangstößen den Blick auf eine Landschaft oder – so der zweite, bedächtigere Titel – die „Brave World“, in der romantische Wendungen in mystische Klangtupfer übergehen. Das nahtlos anschließende „This Much I Know Is True“ wirkt durch kräftige Grooves und ein Solo des Elektrogitarristen John Parricelli wie eine Reise durch eine Landschaft mit Sonnenschein. Mit „Party Animal“ kommt Latin-Feeling ins Geschehen, während sich das Motiv von „Believers“ trotz dramatischer Steigerungen im Kreis zu drehen scheint. Auf das offene, freundliche „Triana“ folgt ein zwischen dunklen Rhythmen und hellen Streichern angesiedeltes „Long Way Gone“: ein heiterer Ausklang für die siebenteilige Bilanz der bislang auf der Erde verbrachten Tage des 1961 geborenen Mark Lockheart. So vielschichtig wie er hat schon lange niemand mehr für diese Großformation komponiert.

Werner Stiefele, 19.01.2019



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