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The Velvet Gentlemen / Satie

Christoph Busse Quartet

Laika/Rough Trade 35103652
(40 Min., 1/2018)

Darf der das? Brauchen wir eine Geschmackspolizei, einen Überwachungsdienst der Musikhygiene und des Reinheitsgebots der Überarbeitungen? Zunächst einmal mutet es wie ein Sakrileg an, wie das Christoph Busse Quartet acht Kompositionen Erik Saties in gefällige, anspruchsvolle, gut gemachte Ensemblestücke umwandelt. Zu gut hat man im Ohr, wie Top-Pianisten aus dem „klassischen“ Lager „The Magic Of Satie“ (so nennt Jean-Yves Thibaudet eines seiner Alben mit großartigen Interpretationen von Saties Klavierstücken) aus dem Flügel zaubern. Dieses historisch korrekte Klangbild verzaubert durch seine Entrücktheit, durch die Verweigerung plakativer Virtuosität, durch die scheinbare Schlichtheit der Melodien und die fein abgestufte Dynamik, die sie zu einer Hintergrundmusik der Extraklasse und damit zu einem Vorläufer der Brian Eno’schen „Music For Airports“ macht.
Bei Busse ist das alles vergessen. Er geht Saties Themen so unbefangen an, wie sich Jazzmusiker auch Melodien aus den großen Broadway Musicals aneignen, neu harmonisieren und in weit vom Original entfernte Bearbeitungen verwandeln. Das erste Stück, „Gnossienne Nr. 2“, leiten der Percussionist Nene Vasquez und der Schlagzeuger Ray Kaczynsi perkussiv ein, bevor Busse und der Kontrabassist Omar Rodriguez Calvo das Thema Saties andeuten. Sie schmücken es aus, sie versehen es mit Ornamenten, sie wechseln die Taktarten, sie machen daraus eine bezaubernde Jazznummer.
Ähnlich fern vom Original geht es mit „Le Tango“, zwei Sarabanden, „Gymnopédie Nr. 1“, „Crépuscule matinal“ und „d’Edriopthalma“ weiter. Einzig „Etracte“ hat Busse selbst komponiert, wobei kein großer Unterschied zu den Satie-Bearbeitungen besteht. Jedes dieser Stücke schmeichelt sich aufs Angenehmste ins Ohr, jedes für sich kann als Komposition für ein Klaviertrio beziehungsweise ein um einen Perkussionisten erweitertes Klaviertrio bestens bestehen. Insbesondere durch Omar Rodriguez Calvos wohltönendes, dunkles, gleichermaßen unaufdringliches und doch stets präsentes Kontrabass-Spiel stellen sich hin und wieder Erinnerungen an das Tingvall-Trio ein, dessen Mitglied er seit 2003 Mitglied ist.
Und Erik Satie? Der Spötter über zeitgenössische Moden und Suchende nach dem eigenen, auf die Essenz konzentrierten Klangs hätte – im Gegensatz zur Annahme der Plattenfirma – kaum seinen Gefallen an der Produktion gefunden, denn sie widerspricht so ziemlich allen seinen Vorstellungen von einer gleichermaßen präsenten und nicht präsenten Musik. Wer aber die zeitgenössischen Klaviertrios mag, der kann mit Christoph Busses „The Velvet Gentlemen“ eine schön arrangierte und interpretierte, angenehm anzuhörende Disc in seine Sammlung aufnehmen. Weil die vier etwas Eigenständiges aus den Satie-Themen machen, bleibt nur ein finales Kompliment: Das ist gelungen.

Werner Stiefele, 12.01.2019



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