Nein, das ist nicht die Oper von Legrenzi und Albinoni (die kennt eh keiner), auch nicht die von Händel, mit der einst der junge Jochen Kowalski Triumphe feierte, wobei alle das gleiche Libretto benutzt haben. Dieser „Il Giustino“ stammt von 1724 und wurde von Antonio Vivaldi für Rom komponiert. Wenn der Venezianer auswärts Aufträge annahm, dann pflegte er für gewöhnlich einen Teil der Musik aus frühen Werken zu adaptieren, so auch in diesem Opernfall, wo er wieder mal Liebe, Lust und Macht anhand einer Herrschergeschichte aus der Frühphase des byzantinischen Reiches verarbeitete: Kuhhirt steigt als Justinian (aber nicht der Große) zum Nebenkaiser auf und darf seine geliebte Kurtisane heiraten.
Das mit dem Geborgten macht aber nichts, denn man kann die teils herrlichen Vivaldi-Arien, die sich alle erst kürzlich wieder ins Bewusstsein schoben, nicht oft genug hören, vor allem, wenn sie von so berufenen, technisch versierten wie charakterisierungsstarken Interpreten wie Delphine Galou, Emőke Baráth oder Verónica Cangemi vorgetragen werden. Schade nur, dass Valer Sabadus mit seiner kurzfristigen Absage die Stimmenbalance etwas verändert. Ein Altus wäre schön gewesen, jetzt macht aber Silke Gäng aus ihrem Anastasio samt der gefühligen Arie „Vedrò con mio diletto“ auch sehr viel. Zumal mit Ottavio Dantone am Pult der so beweglich wie warm aufspielenden Accademia Bizantina ein berufener Vokalspezialist für die spannenden Verzierungen von Da-capo-Teilen in den Solonummern bereitsteht. Ungewöhnlich ist hier nämlich nicht nur die Verwendung des Solo-Psalteriums in einer Pastoral-Reflektion der Titelfigur. Es gibt auch Seeungeheuer und Stimmen aus dem Grab. Innerhalb der wiedererwachten und fortgeführten Vivaldi-Edition ist „Il Giustino“ als 85. Einspielung und 18. Oper ein weiteres Juwel.

Matthias Siehler, 08.12.2018



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