Über mehrere Jahre hat sich die geplante Gesamteinspielung der Beethoven-Sinfonien verteilt. Nun wurde der Zyklus komplettiert – mit der 9. Sinfonie. Da stellt sich die Frage: Wie werden Giovanni Antonini und das Kammerorchester Basel nun mit einem Werk umgehen, das wie kein Zweites für politische Vereinnahmungen herhalten muss. Die Antwort geben die Musiker im Grunde direkt in den allerersten Takten. Antonini und das sich bestens auf die historische Aufführungspraxis verstehende Kammerorchester lassen das Crescendo ganz ohne das gerne ausmusizierte „Per aspera ad astra“-Pathos in einer ersten Kraftentladung kulminieren, die im Orchestergetriebe ein schnittiges Miteinander auslöst, bei dem nur noch die Musik und kein Ideenkonzept mehr zählt. Und Antonini und seine fantastischen Musiker decken dabei mit einer wie selbstverständlich wirkenden Leichtigkeit Stimmen und Stimmungen auf, die schon mal den (völlig a-politischen) Sinfoniker Joseph Haydn in Erinnerung rufen.
Wie schon bei den vorausgegangenen Einspielungen der Beethoven-Sinfonien zeigt Antonini nun auch beim großen Finale, wie ungemein unverbraucht und geradezu frisch selbst ein derart von Deutungen überfrachtetes, rauf und runter gespieltes Werk klingen kann. Dabei gelingt es dem Dirigenten einmal mehr, die Meriten der Originalklangbewegung in ein modern anmutendes Klangbild zu überführen. Nichts ist mehr von Ultraschärfegraden und den Schwarz-Weiß-Kontrasten geblieben, mit denen die Harnoncourts und Gardiners einst Tabula rasa machten. Antonini setzt dagegen auf eine Klarheit und eine Konturiertheit, die dennoch federleichten Schwung besitzt (2. Satz) und kammermusikalische Entspanntheit ausstrahlt (3. Satz). Und hat man schon jemals die Kontrabässe zu Beginn des 4. Satzes so luftig ihre Melodie singen hören? Auch hier gilt: Feierliche Gefühligkeit war gestern. Antonini lenkt dafür lieber den Blick auf die (virtuos ausmusizierten) Binnenbeziehungen eines riesigen Satz-Organismus, bei dem nicht zuletzt das großartige Vokalquartett sowie der Chor fernab aller vordergründigen Gänsehaut-Hymnik auftrumpfen dürfen.

Guido Fischer, 08.12.2018



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