home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Responsive image

Instrumental Chairs

Fee Stracke

Unit Records/H'Art – Membran UTR 4863
(55 Min., 8/2017)

Es schläft ein Lied in allen Dingen. Sogar in Tischen und Sitzgelegenheiten. Zu dieser überraschenden Erkenntnis gelangt man, wenn man „Instrumental Chairs“ der Berliner Pianistin Fee Stracke hört. Inspiriert von dem eigenen Rhythmus der Stuhlreihen in einem kanadischen Flughafen-Warteraum, in dem sie einmal wegen eines verspäteten Anschlussfluges warten musste, schrieb sie Stücke über Klassiker des Möbel-Designs.
Etwa über Eric Brendels multifunktional ausklappbaren Teetisch, an den Stracke behutsam ihre Mitmusiker zum Nachsinnen und Diskutieren einlädt. Zunächst treffen sich da ein vorsichtig tastendes Klavier und Daniel Meyers halbakustische, wie eine Orgel summende Gitarre zum Tête-à-tête, dann treten Berit Jungs Kontrabass und Hampus Melins Schlagzeug federnden Schrittes mit einem Lied auf den Lippen hinzu. Es entspinnt sich ein kantiger Groove als Diskussionsplattform, über die das Klavier orientalisch wirkende Kürzel wie Spielkarten verstreut. Die Komposition nimmt noch mehrere musikalische Wendungen und ist damit so variabel wie der namensgebende, nach allen Seiten und für alle Quartettsituationen offene Teetisch.
Man mag sich bei Strackes „Instrumental Chairs“ konzeptuell an Erik Saties „Musique d'ameublement“ erinnert fühlen. Aber anders als der Vorreiter der Minimal Music will die Pianistin nicht provozieren, sondern taucht vielmehr in das Wesen der Gebrauchsgegenstände ein und fördert ihre mal geometrische, mal kinetische Poesie zutage. Ludwig Mies van der Rohes Freischwinger bewegt sich sacht zwischen zwei Akkorden, auf Arne Jacobsens Ameisen-Stuhl krabbeln mehrere Insektenarmeen in genau berechneten Mustern, der Boston Loveseat wird benetzt von den Tränen, die schluchzend und tropfend aus Klavier und Gitarre dringen.
Zuweilen wird auch mal deftig an Stuhlbeinen gesägt, wenn Jung ihre Basssaiten sirrend mit dem Bogen traktiert, gestritten, skandinavisch-volksliedhaft geschwelgt oder mit Scheuermitteln die musikalische Oberfläche bearbeitet. Kurz: Es ist das, was Menschen an Möbeln machen, wenn sie zu mehreren am Tisch sitzen oder alleine auf dem Stuhl ihren Gedanken nachhängen. Strackes „Instrumental Chairs“ sind so gesehen weit mehr als profane Gebrauchsgegenstände: Sie sind, frei nach Beuys, soziale Klangskulpturen.

Josef Engels, 01.12.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top