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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



Am 22. September 2018 wäre der polnische Geiger Henryk Szeryng 100 Jahre alt geworden. Tatsächlich starb er dreißig und ein halbes Jahr früher, Anfang März 1988, in Kassel während einer Tournee. Decca widmet dem Künstler eine opulente Box mit 44 CDs, die seine Aufnahmetätigkeit für „Philips“, „Mercury Presence“ und „Deutsche Grammophon“ umfassend dokumentiert: Es finden sich sogar CD-Erstveröffentlichungen darin.
Zu den Highlights der Box zählt u. a. Szeryngs bahnbrechende Interpretation des Schumann-Violinkonzerts unter Dorati, die 1964 Furore machte und das doppelt belastete Stück – zunächst versteckt von Clara Schumann und Joseph Joachim, dann von den Nazis als Ersatz für Mendelssohns Konzert missbraucht – schlagartig wieder bekannt. Zwar gibt es heute Aufnahmen, die das Stück vom Solopart her differenzierter behandeln und ihm dadurch ein breiteres Spektrum an Ausdrucksnuancen entlocken. Aber Szeryngs warmer, üppiger, von einem feinen schnellen Vibrato der alten Schule veredelter Ton passt dennoch gut zu diesem kämpferischen, wehmütigen, teils auch verzweifelten Stück des um seine Geisteskraft ringenden Komponisten. Legendär ist auch Szeryngs Zugang zum Brahms-Konzert, das in dieser Box gleich zweifach (unter Haitink und Dorati) vertreten ist: Der mitreißende, glühende Enthusiasmus der großen musikalischen Bögen, die Szeryng ausspannt, ist überwältigend.
Dass er an Mozart und Bach – der Zeit entsprechend – kaum anders heranging, lässt seinen Mozart (die Konzerte unter Gibson, die Sonaten mit Ingrid Haebler) freilich leicht antiquiert, seinen Bach (die Violinsonaten mit Walcha, die Brandenburgischen Konzerte Nr. 2, 4 und 5 unter Marriner, außerdem die Sonaten und Partiten) für heutige Ohren stark angestaubt erscheinen. Das ist nicht Szeryngs Fehler, aber es kann auch nicht übergangen werden. Unsterblich dagegen sein Bartók, sein Chatschaturjan, sein Saint-Saёns, auch sein Mendelssohn … Szeryng fasziniert stets durch technische Perfektion und schiere Klangschönheit und präsentiert sich mit dieser Schatzkiste posthum noch einmal als einer der ganz großen Interpreten des 20. Jahrhunderts. Ein kompetent gemachtes Beiheft erschließt den Menschen Szeryng und sein Aufnahme-Werk vorbildlich und umfassend.

Michael Wersin, 01.12.2018



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