„La clemenza di Tito“, komponiert 1791, zwei Jahre nach der Französischen Revolution, erscheint gern als aus der Zeit gefallene, misstrauisch beäugte Opera seria mit aufbegehrenden Pappkameraden und Römer-Ringelpietz. Fadenschein und Brüche einer verwässerten Metastasio-Vorlage um Hörigkeit und Ambition, Machtmissbrauch und Freundestreue. Eine bisweilen an ihrem gipsernen Faltenwurf krankende Gewissensoper, aber mit kostbaren Momenten für Klarinette und Bassetthorn, den wie Tränenkaskaden duettierenden Soloinstrumenten in den Arien Sestos und Vitellias. Unter Yannick Nézet-Séguin, der glücklichen Konstante dieses in Baden-Baden mit dem frisch klingenden Chamber Orchestra of Europe eingespielten und bis auf den „Idomeneo“ inzwischen vollständigen Mozart-Zyklus der Deutschen Grammophon, macht das instrumental wie theatralisch viel Sinn, hat auch Sinnlichkeit. Angefangen mit der flott, alert, aber auch ohne allzu viel Feinfühligkeit angepackten Ouvertüre. Aber auch eine Amadeus-Oper ist eben in erster Linie Sängertheater. Da gibt es Licht und Schatten. Im Dunkel liegt die zum Glück nicht so bedeutsame Titelfigur, die Rolando Villazón, unglückliche Zyklus-Konstante, von einer gnädigen Tontechnik einigermaßen abgeschirmt, von unten anschleift, trocken und stumpf so gerade bewältigt. Marina Rebeka, eingesprungen für Diana Damrau, ist eine solide, nicht überwältigende Intrigantin Vitellia, die wie üblich mädchenhafte Regula Mühlemann passt perfekt als brave Servilia. Tara Erraught und Adam Plachetka sind hochbesetzt in Nebenrollen. Eindrücklich und bedeutend wird die Neuaufnahme freilich durch die tiefe Identifikation von Joyce DiDonato in einer ihrer Lebensrollen als zerrissener Sesto. Das ist großartigster Mozartgesang unserer Zeit.

Matthias Siehler, 29.09.2018



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