Das große Bernstein-Projekt des Labels Warner ist gewiss hochwillkommen. Antonio Pappanos Ansatz schon bei der Sinfonie Nr. 1 „Jeremiah“ ist weit ausgeglichener, ‚klassizistischer‘ und weniger impulsiv als man dies von Bernstein und amerikanischen Nachfolgern gewohnt war. Leider entpuppt sich Mezzosopranistin Marie-Nicole Lemieux, eine ehemals überragende Sängerin, beim Solo-Part als herbe Enttäuschung. Ihr früher perlmuttfarbenes Timbre ist einer aufgetriebenen, geradezu wunden Tongebung gewichen.
Bei der 2. Sinfonie „The Age Of Anxiety“ gelingt es Pappano mit seinem Santa Cecilia-Orchester, die enervierende Eruptivität mancher Bernstein-Deutung zu glätten und zu dämpfen. Stattdessen ist es wieder der Solo-Part, die Pianistin Beatrice Rana, die entweder zu nervös oder zu spannungslos agiert, als erblicke sie hierin den richtigen Zugang zum Gedicht von W.H. Auden. Dass es sich um Tanzmusik handelt, lässt Pappano nicht erkennen; was indes für seinen selbstständigen, sinfonischeren Zugang spricht.
Im Fall von „Kaddish“, der dritten und wohl unbekanntesten Sinfonie, gibt es Vergleichseinspielungen sogar mit Yehudi Menuhin als Narrator (und auch mit Bernsteins Tochter Jamie). Josephine Barstow, eine legendäre Sopranistin in Großbritannien, findet für das Totengebet eine leicht mysteriöse, gelegentlich zu theatralische Sprechstimme. Erfreulich: Nadine Sierra in den zwei Sopran-Sätzen. Der Chor singt am hadernden, aber eben nicht opernhaften Sinn der Sache vorbei. Und das zugegebene „Prelude, Fugue & Riffs“? Macht den amerikanischen Kohl nicht fett.

Robert Fraunholzer, 29.09.2018



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