Responsive image

The Other Side

Tord Gustavsen Trio

ECM/Universal 6751618
(54 Min., 1/2018)

Eine ungewöhnliche Melancholie durchweht die zwölf Stücke des Tord Gustavsen Trios. Dies liegt nicht daran, dass sich der norwegische Pianist, der Kontrabassist Sigurd Hole und der Schlagzeuger Jarle Vespestad auf alte Volkslieder sowie drei Chorwerke von Johann Sebastian Bach einlassen. Im Gegenteil: Sie übernehmen deren Melodien in ihre eigene, bedächtige Klangsprache, die auch die sieben Kompositionen Gustavsens vom Gros der Einspielungen der aktuellen Klaviertrios abhebt.
Bei ihren Bach-Bearbeitungen meiden sie jegliche Nähe zum barocken Klangbild des Komponisten. So unterlegen sie dem Choral „Schlafes Buder“ aus Bachs „Kreuzstabkantate“ (BWV 56) einen nervösen Schlagzeugpuls, dem sie akzentuierte, oft lange, getragene Töne von Bass und Piano gegenüberstellen, als bringe das Einverständnis mit dem Tod keine Erlösung von der alltäglichen Hektik.
Im Gegensatz dazu verlangsamen sie den Eingangschoral der Motette „Jesu meine Freude“ (BWV 227) zu einer andächtigen Meditation, die sie um das norwegische Kirchenlied „Jesus, det eneste“ ergänzen, wobei Schlagzeug und Bass den getragenen Klavierklängen mit einfühlsamer Nervosität begegnen. Ähnlich nachdenklich gestalten sie auch Bachs Choral „O Traurigkeit“ (BWV 404), wobei sie durch dichte Klangtrauben dessen bedrückenden Charakter unterstreichen.
In den meisten anderen Nummern lassen sie sich von einer ungewöhnlich zarten, stellenweise brüchig wirkenden Ästhetik leiten, in der jeder Ton das Recht zum Auf- und Ausklingen besitzt. Magische Momente entstehen so, getragen von folkloreähnlichen Melodien, die bis auf die Ausnahmen „Ingen vinner frem til den evigo ro“, „Kirken, den er et gammelt hus“ und „Jesus, det eneste“ keine tradierten Lieder aufarbeiten, sondern Gustavsens Vorstellungswelt entspringen. Auch wenn sich nicht alle Lieder mit religiösen Themen befassen, versetzt „The Other Side“ in eine melancholische, unpathetisch sakrale Atmosphäre.

Werner Stiefele, 15.09.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es liegt etwas Flirrendes, Sommerliches, ungemein Modernes in der französischen Musik zwischen 1900 und dem Erstem Weltkrieg, ein Aufbruch, der erst recht vollzogen werden konnte, als sich ein paar Komponisten gegen die Übermacht der Tonsprache Richard Wagners zu stemmen begannen. Doch was könnte man einer so perfekt ausgearbeiteten, fließenden Romantik entgegenstellen? Diese Frage führte Claude Debussy und Maurice Ravel dazu, sich im spielerischen Umgang mit der Vergangenheit neue […] mehr »


Top