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Yellow +Blue

Rolf Kühn

MPS/Edel 0212745MS1
(62 Min.)

Mit 88 Jahren darf man auch mal zurückblicken. Das denkt man, wenn man die neue CD des Klarinettisten Rolf Kühn in den Händen hält. Eine Balladenplatte. Mit vielen schönen Standards wie „Body and Soul“ oder „Angel Eyes“. Und musikalischen Begleitern, die Kühn schon lange kennt (Pianist Frank Chastenier war 2006 bei der Einspielung „Internal Eyes“ beteiligt), oder die ihr Handwerk bei ehemaligen Mitstreitern des Klarinettisten erlernt haben (Bassistin Lisa Wulff studierte bei Kühns 2016 verstorbenem Buddy Detlef Beier).
Doch Kühn, der wahrscheinlich jüngste 88-Jährige der Welt, kann mit tränenseliger Verklärung der Vergangenheit so gar nichts anfangen. Grund hätte er, dem Benny Goodman einst als väterlicher Mentor Butterbrote schmierte und der mit Chick Corea, Michael Brecker oder Ornette Coleman spielte, eigentlich genug. Darauf ausruhen will er sich nicht.
Bewusst lässt er seine mit höchstmöglicher Eleganz und unbestechlicher Tonkontrolle gespielten Interpretationen bekannter Balladen auf seine eigenen Stücke prallen, die eigensinnig auf ihren Platz in der Gegenwart beharren. „Yellow + Blue“ eben. Blitzartig-gelbstichige Unisono-Läufe und freie Passagen treffen auf das warme Blau der Standards.
So entsteht ein faszinierendes Mosaik aus jugendlicher Neugier und aus schwelgerischen Jazztugenden, wie sie sich wohl am besten in Chasteniers Spiel manifestieren und dem Kühn etwa im Auftakt, Joni Mitchells „Both Sides Now“, reichlich Raum für seine vielfarbig schillernden Akkordgemälde auf dem Flügel lässt. Jazz ist für den Klarinettisten aber auch stets der „sound of surprise“, wie man in seinem Duett mit dem Schlagwerker Tupac Mantilla überrascht feststellen kann. In „Conversation III“ umflattert die Klarinette wie ein übermütiger Vogel das Klatschen, Ploppen und Seufzen von Mantillas Bodypercussion. Body and Soul, im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenn die Aufnahme dann mit Michel Legrands „What Are You Doing The Rest Of Your Life?“ endet, möchte man als Antwort rufen: Klarinette spielen. Und das noch möglichst lang.

Josef Engels, 21.07.2018



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