Dass man bei Charles Gounods "Faust" - wie in vielen anderen Fällen auch - mit einer historischen Aufnahme unter Umständen besser bedient ist als mit einer neueren, so viel kann gleich zu Anfang verraten werden. Allerdings hat der "Faust"-Interessierte die Wahl zwischen zwei sehr guten älteren Produktionen: Zwischen dieser Beecham-Einspielung von 1947/48, und der André-Cluytens-Aufnahme von 1953.
Bei Cluytens locken besonders die Namen: Victoria de los Angeles, Nicolai Gedda und Boris Christoff in den Hauptrollen versprechen Erstklassigkeit. Weiterhin ist die technische Qualität deutlich besser, und es gibt keinerlei Auslassungen (Beecham strich u. a. die Arie des Valentin).
Doch ganz so leicht fällt die Entscheidung dann doch nicht. Georges Noré, der Faust dieser Beecham-Aufnahme, ist nur sehr spärlich auf Schallplatte dokumentiert. Hier überrascht er durch hervorragende Qualität: Mit seiner metallisch-klaren, kraftvollen Stimme gelingt ihm ein mitreißendes, emotionsgeladenes Rollenporträt, während Gedda oft leisere Töne bevorzugt. Beinahe schockierend ist Norés hohes C am Schluss der berühmten Arie; spätestens hier ist klar, dass man diesen Mann gehört haben muss.
Die helle, mädchenhafte Sopranstimme Georie Boués passt hervorragend zu Marguerite, ihre kindliche Unschuld kommt vielleicht ein wenig zwangloser zum Vorschein als bei der vollblütigeren Victoria de los Angeles. Roger Rico, stimmlich sicher nicht schlecht bestückt, bringt es als Mephisto dennoch nicht zu der brutalen Wucht von Boris Christoff unter Cluytens. Allerdings gestaltet Rico sensibler und nuancierter, während Boris Christoff - Verzeihung - oft vor allem Boris Christoff darzustellen scheint.
Fazit: Eigentlich braucht man beide Aufnahmen, aber diese sollte man nicht voreilig verschmähen.

Michael Wersin, 07.06.2001



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