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The Return

Kamaal Williams

Black Focus/Rough Trade BFR001CD
(45 Min.)

In der Londoner Szene brodelt es so stark wie seit den Acid-Jazz-Zeiten Anfang der 1990er nicht mehr. Hinter dem Leuchtturm Shabaka Hutchings, der einen Deal mit dem legendären US-Label Impulse ergattern konnte, hat sich inzwischen eine Vielzahl unterschiedlichster Formationen und Künstler versammelt. Etwa der Sänger, Gitarrist und Produzent Tom Misch, der elegische Songwriter-Kunst mit tanzbaren Beats und Jazzfinesse kombiniert. Oder der Keyboarder Kamaal Williams, der selbstbewusst den Bad Boy gibt.
Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich die Pressefotos von Williams, seinem Bassisten Pete Martin und seinem Schlagzeuger MckNasty anschaut – das Trio, das auf „The Return“ maßgeblich von Soundengineer Richard Samuels als viertem Bandmitglied unterstützt wird, sieht mit Baggy-Pants und Zuhälter-Benz aus wie eine sehr böse HipHop-Crew.
So schlimm sind die Jungs aber gar nicht. Denn rein musikalisch tummeln sich Williams & Co. in der Schlaghosenära des Jazz, als Herbie Hancock, Roy Ayers oder Lonnie Liston Smith der Explosion des Free Jazz die Entspannung von rauschhaften Disco-Grooves entgegensetzten. „Salaam“ etwa lässt ein verkifftes Fender Rhodes auf eine einprägsame Synth-Melodie und knochentrockene Slap-Bässe treffen, um sich am Ende in Schlagzeugeruptionen zu entladen. „Broken Theme“ erinnert deutlich an das Headhunters-Stück „Sly“, „High Roller“ verweist auf Weather Report, „Medina“ gemahnt an Wayne Shorters „Footprints“ und an Chick Coreas E-Piano-Zaubereien. Und auch der Gitarrist Mansur Brown, der im „London Shuffle“ zum Trio hinzutritt, lässt einen an die 1970er denken: Sein irrwitziges Solo klingt wie John McLaughlin auf Speed.
Möglicherweise ist die Analyse der Herkunftsorte von Kamaal Williams' Musik aber auch die völlig falsche Herangehensweise. Denn in erster Linie geht es bei diesen nach dem Schweiß einer exzessiven Funk-Jamsession duftenden Nummern um die Atmosphäre und ums Abschalten wie im Club um halb fünf in der Früh (nicht ohne Grund befindet sich in der Albummitte ein roher Live-Mitschnitt der Band mit munter quasselndem Publikum im Hintergrund). Deshalb: Hirn aus, Bauch an. Dann entfaltet die ungewaschene britische Antwort auf den US-Retro-Seventies-Jazz à la Kamasi Washington oder Snarky Puppy ihre beste Wirkung.

Josef Engels, 14.07.2018



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