Bis zu seinem letzten Atemzug im Dezember 2007 war Karlheinz Stockhausen der festen Meinung, dass irgendwo in den Weiten des Weltraums musikalisches Leben existieren muss. Und besonders auf dem Planeten Sirius war für ihn „die Musik am vollkommensten entwickelt, da für die Bewohner die Musik die höchste Form aller Schwingungen ist.“ Auch wenn Stockhausen 1975 mit dem Werk „Sirius“ vergeblich selbst versucht hatte, die entsprechenden Signale mit seinen Richtmikrofonen einzufangen, so gehören seine Annäherungen an die fernen Klanggalaxien zum Spannendsten und Visionärsten in der Musikgeschichte überhaupt. Mit elektronischen Werken wie dem „Gesang der Jünglinge“, mit „Gruppen“ für drei Orchester und später dann mit seinem Musiktheater-Koloss „Licht“ als mystisch-spirituelle Interpretation der sieben Schöpfungstage erfand Stockhausen nicht nur bislang Ungehörtes in jedweder Form. Immer auch sprengte er damit Wahrnehmungs- und Klangräume, machte er Musik zu einer Raummusik im wahrsten Sinne. Als Stockhausen etwa 2003 in der Kölner Philharmonie das „Licht“-Teilstück „Hoch-Zeiten“ zur Deutschen Erstaufführung brachte, verteilte er Chor und Orchester auf zwei Konzerträume und verband sie über Lautsprecher miteinander.
Zeitgleich zu „Hoch-Zeiten“ arbeitete Stockhausen aber auch an einer Instrumentalfassung eines daraus stammenden Chorparts. Und heraus kam mit „Strahlen“ für Schlagzeuger und 10-kanalige Tonaufnahme eines dieser faszinierend überirdisch funkelnden und glitzernden Tonwesen, wie sie Stockhausen gerade in seinem riesigen Spätwerk immer wieder zu Leben erweckt hat. Fast wie ein elektro-akustisches Carillon wirkt das rund 30 Minuten dauernde Stück „Strahlen“, bei dem der Vibrafonist László Hudacsek über vorproduzierte Tonbandstimmen mit sich selbst spielt (das Chor-Stück aus „Hoch-Zeiten“ besteht aus fünf zweistimmigen Chören). Erst 2009 konnte „Strahlen“ in Karlsruhe uraufgeführt werden. Wobei hierfür Stockhausens langjährige Mitarbeiterin Kathinka Pasveer die Klangregie übernahm und dabei die Raumklangwirkungen über die im Saal verteilten Lautsprecher navigierte. Jetzt kann man in gleich drei verschiedenen Audio-Fassungen in diesen Klangkosmos eintauchen. So finden sich auf der DVD nur für Kopfhörer geeignete, sogenannte „Binaurial-Versionen“ (darunter eine Kunstkopfaufnahme) sowie eine „Surround-Version“ für Lautsprecher. Außerdem erläutert auch Stockhausen in zwei Filmen die Entstehung, die Komplexität und die Spiritualität von „Strahlen“. Der Mitschnitt der Uraufführung ist übrigens auf der Seite des Karlsruher ZKMs zu sehen und zu hören.

Guido Fischer, 09.06.2018



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