Zur Zeit, als die in der Kunst damals noch tonangebende Opernwelt des späten 19. Jahrhunderts in den Nachwehen des Wagnerrausches lag, sich den gewöhnlichen Genüssen des italienischen Verismo hingab und ihr alter Großmeister Giuseppe Verdi fast schon verstummt war, stieg Jules Massenet zum Komponistenkönig der Belle Époque auf: Seine Musik aus Eleganz und Raffinement, Üppigkeit und sinnlicher Delikatesse, theatralischer Intensität, harmonischem Reichtum, Effektivität und Knappheit huldigte besonders den Sopranistinnen, und sie hatte den sprichwörtlich französischen Chic und Charme. Das musste sogar Claude Debussy zugeben, der dem „Fabrikanten klingender Himbeersoße" nicht sonderlich gewogen war. Nach Massenets Krebstod 1912 fielen freilich die meisten Werke des eben noch so beliebten Modekomponisten und Meisters der Melodie dem Vergessen anheim. Erst in den Siebzigerjahren setzte die bis heute andauernde Renaissance ein. An der die Schallplatte maßgeblich beteiligt war, wie man jetzt wieder bei der aus Archivaufnahmen der EMI-France bestückten Massenet-Opernbox mit sieben von 24 vollendeten Werken hören kann. Vierzig Jahre Studiogeschichte, von der klassischen „Manon“ mit Victoria de los Angeles über Nicolai Gedda als idealem „Werther“ bis zu José van Dam und Terese Berganza im feinsinnigen „Don Quichotte“ oder Cheryl Studer, Plácido Domingo und Thomas Hampson in der Salome-ähnlichen „Hérodiade“ werden dokumentiert. Ein faules Ei ist hier nur die „Thaïs“ unter Lorin Maazel; dafür reizen durch ihre Rarität Alain Vanzo in „Le jongleur de Notre-Dame“ sowie Renée Doria in der erstmals technisch geputzt auf CD transferierten „Sapho“ – über eine ihren unschuldigen Liebhaber verlassende Lebedame.

Matthias Siehler, 02.06.2018



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