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Despertando

Diego Pinera

ACT/Edel 1098542ACT
(45 Min., 1/2017)

Man mag ja von den Nominierungskriterien für den inzwischen abgeschafften Musikindustriepreis ECHO halten, was man will: Dass der aus Uruguay stammende Schlagzeuger Diego Pinera 2017 in der Jazzkategorie ausgezeichnet wurde, ging jedenfalls mit rechten Dingen zu. Der 1981 in Montevideo geborene Schlagwerker hatte mit seiner unter Beteiligung der US-Schwergewichte Mark Turner und Ben Street entstandenen Trioaufnahme „My Picture“ gezeigt, dass er einer der fortschrittlichsten Latin-Drummer auf der Szene ist.
„Despertando“, das ACT-Debüt des in Berlin lebenden Pinera, ist da ein bewusster Schritt zurück. Dem Albumtitel entsprechend, der so viel wie „Erwachen“ bedeutet, begibt sich der Südamerikaner an der Seite von Pianist Tino Derado und „Tingvall“-Bassist Omar Rodriguez-Calvo zurück zu den Quellen seines musikalischen Keimens.
Mit „Osvaldo por Nueve“ erweist er im Candombe-Rhythmus seinem ersten Lehrer Osvaldo Fatturoso die Ehre, das von Pineras Vater geschriebene „Yakarito Terere“ dient als musikalisches Erinnerungsfoto an die Zeiten der Kindheit. Daniel Manrique-Smith spielt dazu, wie auch bei einer Reihe weiterer Stücke auf „Despertando“, die Flöte. Das kann mal raffiniert klingen, vor allem im eng verzahnten thematischen Zusammenspiel mit dem Klavier, das kann aber auch recht folkloristisch-urwüchsig daherkommen, mit einer Tendenz zur Nervenreizung beim Hörer. Immerhin: Als weiches sonisches Gegengewicht dienen Julian Wasserfuhrs Trompete und Flügelhorn bei zwei Nummern.
Neben Kuba (mit einer hübsch altmodischen Version von „La Comparsa“ des Komponisten Ernesto Lecuona) und Argentinien (mit Gato Barbieris „Last Tango In Paris“) wird auch den Latinwurzeln des Jazz ein Besuch abgestattet. Duke Ellingtons „Caravan“ und Sonny Rollins' „St. Thomas“ wirft Pinera lächelnd krumme Takte in die Speichen und verpasst ihnen mit seinem um Perkussionsinstrumentarium erweiterten Set neue Farben. Seinen Sinn für ungewöhnliche Kolorierungen zeigt der Schlagzeuger auch mit dem Einsatz von Steel Drums im Albumtitelstück und im Abschluss „Once Pasos“. Da deutet Pinera an, welches Potenzial als Latin-Neuerer in ihm schlummert.

Josef Engels, 26.05.2018



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