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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Live In Europe

Melody Gardot

Decca/Universal 5765488
(107 Min., 2012 - 2016) 2 CDs

Videos, in denen sich die Sängerin in einer Badewanne rekelt. Das lasziv gehauchte „Di-ba-di-ba-du“ für die im Fernsehen hoch- und runterlaufenden Werbespots eines Kreditinstituts. All das waren Gründe, weshalb sich der Rezensent nie für Melody Gardot erwärmen konnte. Und auch das Doppel-CD-Album „Live In Europe“ wäre aufgrund des Covers, das die nur mit einer Gitarre bekleidete Sängerin und Songwriterin nackt von hinten in einem Konzertsaal zeigt, beinahe nicht im Abspielgerät gelandet.
Für alle, denen es in Sachen Gardot ähnlich geht, bieten die zwischen 2012 und 2016 in elf verschiedenen europäischen Städten aufgenommenen Stücke nun die Gelegenheit, die Dame mal vernünftig kennenzulernen. Eine schwer auf Diva machende Schlafzimmerbeschallerin mit arg viel Vibrato – das mögen die ersten Eindrücke sein. Aber dann fallen Stück für Stück die Klischeehüllen wie die Kleidungsstücke auf dem Titelbild.
Ein Cello, mal begleitend, mal solo, als Konstante auf der ersten, eher kammermusikalisch gehaltenen CD: eine hübsche Idee. Diese Stimme, die von ihrer Halterin an Gitarre und Klavier begleitet wird: Eigentlich birgt sie viele Geheimnisse. Weil man sie nämlich im Vergleich zu den anderen populären Vokalistinnen der vergangenen Jahre nicht wirklich einzuordnen vermag. Eine Kreuzung aus Billie Holiday und Astrud Gilberto, die beim Singen ein fluffiges Soufflé verspeist, könnte man noch am ehesten sagen.
Für die zweite CD gilt das dann schon nicht mehr. Denn da geht Gardot aus sich heraus, erinnert zuweilen an eine indianische Schamanin oder an Tom Waits, zitiert Charles Mingus aus seiner „Blues & Roots“-Zeit und bringt mit afrikanisch anmutenden Grooves das Badewannenwasser zum Kochen. Und wenn man dann noch in ihren Ansagen merkt, dass die Frau ziemlich viel Humor hat, muss man zu dem Schluss kommen: Man sollte sich nicht von nackten Frauen auf Plattenhüllen ablenken lassen.

Josef Engels, 19.05.2018



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