Der Prüfstein für viele konservative Hörer liegt sicher in der Mitte dieses Programms: Der langsame Satz des Brahmsschen Doppelkonzerts mit seiner bedeutungsvollen Zwei-Quarten-Motivik, mit welcher der Komponist vermutlich verborgen auf seine enge geistige Verbindung zu Robert Schumann verweist, muss sein volles Gänsehaut-Potenzial entfalten, um überzeugen zu können. Freilich, man bekommt heutzutage nicht mehr den hemmungslosen Schmacht geliefert, den hier einst etwa Fournier und Heifetz zu entfesseln verstanden. Aber ein bisschen emotionaler als bei Wang und Vogler hätte es schon noch sein dürfen – man höre etwa Fischer und Müller-Schott im Vergleich. Auch im letzten Satz desselben Konzerts kommt die eigenwillige barockisierende Thematik erst nach einer Weile in Schwung – namentlich dort, wo Mira Wang das Ausdrucks-Ruder in die Hand nimmt. Jan Voglers initiale Präsentation des Themas hingegen klingt eigenartig unentschlossen: Soll es markant neobarock klingen, oder darf es mit tänzerischer Eleganz daherkommen?
Solche Aspekte fallen freilich vor allem bei bekannten Werken ins Gewicht. Rihms und Harbisons Doppelkonzerte dagegen, die Brahms‘ bekanntes Opus auf dieser CD umrahmen, punkten erst einmal durch ihren Neuheiten-Reiz. Und der, so muss der Autor bekennen, ist beträchtlich: Beide Komponisten verstanden es, die spezielle doppelte Solistenbesetzung kreativ zu nutzen, beide banden sie auch ein in eine hochinteressante harmonisch-melodische Gesamtstruktur, schufen interessante satztechnische Verdichtungen und lassen fesselnde Klangideen zum beeindruckenden Erlebnis für den Hörer werden. Hierfür, weniger für den Brahms, lohnt sich der Erwerb dieser CD.

Michael Wersin, 12.05.2018



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