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Investigations

Pablo Held Trio

Edition Records/Membran EDN 1109
(45 Min., 8 - 9/2017)

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Diese drei Wörter charakterisieren die Musik des Pablo Held Trios ebenso wie die Dreiklänge von Aufmerksamkeit, Komposition, Improvisation oder Europa, Klassik, Jazz. Oder Bildung, Talent, Fantasie. Oder Disziplin, Freiheit, Struktur. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, denn der Pianist interessiert sich für weitaus mehr als Jazz. Sein Horizont umfasst daneben auch die Musikgeschichte vom Barock bis zur klassischen Moderne.
Diese Aufgeschlossenheit spiegelt sich in all seinen Werken, also auch in den acht Stücken auf der Disc „Investigations“. Im Titelstück keimen Erinnerungen an die Improvisationen auf, die Ron Carter und Miroslav Vitouš auf den Alben „Uptown Conversation“ und „Infinite Search“ in den 1960ern unternahmen. Sorgsam reihen sie Klangtupfer, verdichten sie, geben ihnen wieder Raum. In „Dr. Freeds“ dreht Held ein verschlungenes Motiv hin und her und löst es in Läufe auf, und in „I’ll Dream Of Flowers“ lassen Held, der Kontrabassist Robert Landfermann und der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel aus kleinen Bewegungen eine im Wind sich wiegende Blumenwiese entstehen.
Aber sie können auch anderes als die weichen, hingetupften Stücke. In „Yearning“ kommen sie der Sehnsucht nach einem bruchlos fließenden Stück entgegen, während sich „Stubborn“ in eine konsequente Abfolge unterschiedlich langer Varianten des Ausgangsmotivs gliedert. Im Gegensatz zu diesem nervösen Werk blitzt die „April Sonne“ hell durch die Schäfchenwolken am Himmel. Durch den „Birkenhain“ wehen sowohl ein laues Lüftchen als auch kräftige Windböen. Das finale „Haiku Kit“ wird schließlich zur fast sakralen Andacht, zu der Hubert Nuss als Gast orgelähnliche Keyboardsounds beisteuert.
Vor dreizehn Jahren fanden sich Held, Landfermann und Burgwinkel zusammen. Seitdem hat sich ein blindes Einverständnis entwickelt. Sie legen Fährten, denken sich in die Entwicklungslinien der Partner, kommentieren diese, führen sie fort, ignorieren sie – wie in einem Gespräch, das gute Freunde miteinander führen, und bei dem man auch schweigen kann, gerade weil man bei der Sache ist und Wichtigem lieber zuhört, als den Gedankenfluss des Partners durch Einwürfe zu stören. Diese Musik überwältigt nicht. Sie lässt Luft zum Atmen, Denken und Hören, und die Melodien scheinen durch elastische Fäden miteinander verbunden. Dieser Kammermusik-Jazz weist durch die Fusion der klanglichen Tradition der europäischen Konzertmusik und der Improvisationstradition des Jazz in die Zukunft.

Werner Stiefele, 21.04.2018



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