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Jörg Widmann

Viola-Konzert, 24 Duos (Auswahl), Jagdquartett

Antoine Tamestit, Daniel Harding, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Signum Quartett, Marc Bouchkov, Bruno Philippe

harmonia mundi HMM 902268
(49 Min., 3/2016, 10/2017)

Ob als Klarinettist oder eben als Komponist – Jörg Widmann ist mehr denn je dick im Geschäft und selbst da auf Programmzetteln vertreten, wo man bislang das Publikum vor zeitgenössischer Musik in Schutz nehmen zu müssen glaubte. Nun ist Widmann alles andere als ein Komponist, der sich seinen Erfolg mit publikumsgeschmackstauglichen Nettigkeiten kalkulierend erspielt hätte. In seinen Werken geht es immer anspruchsvoll zu, mit Haken und Ösen, rund und zur Sache. Dennoch hält der Münchner nicht mit seiner Liebe zur musikalischen Tradition hinter dem Berg. Auch versteckt er nicht seine musikalisch unterschiedlichsten Geschmäcker – wobei seine Musik trotz so mancher Anleihen etwa aus dem Jazz eben nicht ultraleichtgewichtig eklektizistisch ist. Der Musiktheater-Mann, der Meister der virtuosen Kurzstrecke, der experimentierfreudige Klanglaborant sowie auch der etwas andere Mozart-Jünger – all diese Gesichter von Widmann bekommt man jetzt auf dieser CD geboten, bei der natürlich das Bratschenkonzert in der Weltersteinspielung im Mittelpunkt steht.
Gewidmet ist es Antoine Tamestit, der es auch mit dem Uraufführungsdirigenten Daniel Harding aufgenommen hat. Nun macht der dazugehörige Booklettext einem den Mund auf etwas wässrig, was eine Tonaufnahme gerade eben nicht bieten kann. Denn der erste der fünf Sätze ist quasi als eine Art Konzertsaal-Szene angelegt, in der der Solist sich seinen Weg durch das Orchester körperlich erobern muss und mit ihm in einen Wettstreit gerät. Doch selbst wenn einem jetzt diese visuelle Dimension fehlt, so besticht Widmanns Bratschenkonzert allein schon durch seine riesige musikalische Ausdruckspalette sowie den mitreißenden Ereignischarakter. Das beginnt bei der Findungsphase des Solisten Tamestit, der dafür sein Instrument auch mit allerlei perkussiven Nuancen und Effekten erkundet, und reicht über ein arabische Klangzüge tragendes Lamento und ein Scherzo auf 180 bis zu einer finalen Aria, die in ihrer nostalgischen Expressivität irgendwo zwischen Strauss und Kancheli zu schweben scheint. Nicht zuletzt hier erweist sich einmal mehr Tamestits Bratschenspiel und -ton als unerschöpflich facetten- und empfindungsreich. Danach tut sich Tamestit im Wechsel mit den Kollegen Marc Bouchkov (Violine) und Bruno Philippe (Violoncello) zusammen – für neun ausgewählte Miniaturen aus Widmanns 24 Duos, die ursprünglich für Violine und Violoncello komponiert worden sind. Beim 3. Streichquartett von Widmann wiederum heizen die vier Streicher vom Signum Quartett über Stock und Stein und meistern in diesem „Jagdquartett“ (Mozart lässt grüßen!) mit unaufhörlichem Drive und unüberhörbarem Spaß die spieltechnisch unterschiedlichsten Extremsituationen.

Guido Fischer, 10.03.2018



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