Responsive image

The Good Spirits

Denis Gäbel

Mons Records/in-akustik 05712297
(72 Min., 6/2017)

Wie der Tenorsaxofonist Denis Gäbel „The Good Spirits“ eröffnet, erinnert ein wenig an die Gelassenheit, mit der sich Wayne Shorter in „The All Seeing Eye“ und andere Klassiker spielte: Ohne Eile, mit Andeutungen einer Melodie über einem flockigen Teppich von Schlagzeug, Kontrabass und Piano baut der Kölner das Thema auf, bis er schließlich in langen Melodielinien darüber improvisiert. Das impulsive Klavierspiel von Kevin Hays und die agile Grundierung durch den Kontrabassisten Scott Colley und den Schlagzeuger Clarence Penn versprechen, was in diesem Titelstück angedeutet wird: ein Album in der Nachfolge der großen, von Saxofonisten geleiteten Bands aus den 1950ern und 1960ern.
Denis Gäbel hat in sich aufgenommen, was Giganten wie Wayne Shorter, Joe Henderson, John Coltrane oder Pharoah Sanders der Jazzwelt schenkten: die klangfarbenreiche Intonation, die jeden Ton mit einer eigenen Charakteristik ausstattet, die elastische Rhythmik und das hohe Energielevel auch bei leisen, stehenden Tönen sowie die Fantasie im Ausgestalten der Themen. Dazu kommen Biss, Schmelz und Feingefühl.
Das Dutzend Stücke ist voll von Stopps, Rhythmuswechseln und Kontrasten zwischen swingendem Fluss und sperrigen Akzenten. Sie entführen unaufdringlich in eine Gefühlswelt zwischen Sehnsucht und Drängen, Gelassenheit, Suchen, Entdecken und Finden. Dabei scheint Gäbels Saxofon zu greinen, weinen, schnurren. Gäbels Töne springen wie ein vergnügtes Kind über Treppenstufen. Sie klettern, sie tanzen, sie drehen sich im Kreis, reißen aus, klumpen und entzerren sich in den zwölf Titeln einer wunderbaren Dramaturgie, und seine Partner vollziehen all diese Wendungen in nahezu blindem Einverständnis mit. Obwohl sich das Quartett – so die Information durch die Plattenfirma – nur zur Aufnahmesession traf, wirkt die Musik, als habe sie eine jahrelang bestehende Band eingespielt. Dafür sorgten wohl die „Good Spirits“.

Werner Stiefele, 10.03.2018



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Im Freien: Wenn man bedenkt, wie lange Johannes Brahms an den Skizzen zu seiner ersten Sinfonie herumgekaut hatte, überrascht die Geschwindigkeit, mit der er seine Zweite zu Papier brachte. Beflügelt wurde er bei der Arbeit durch den Sommeraufenthalt im Kärntnerischen Pörtschach am Wörthersee und den langen Spaziergängen in der Gegend. „Der Wörthersee ist ein jungfräulicher Boden, da fliegen die Melodien, dass man sich hüten muss, keine zu treten“, wie er in einem Brief an Eduard […] mehr »


Top