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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Nightfall

Till Brönner, Dieter Ilg

Masterworks/Sony 889854921125
(51 Min., 10/2017)

Aus mehreren Gründen muss man hier von einem Gipfeltreffen sprechen. Zum einen, weil Trompeter und Flügelhornist Till Brönner und Kontrabassist Dieter Ilg ihre zehn Jahre lang angedachte Duo-Aufnahme in der Abgeschiedenheit der ehemaligen G-7-Gipfelherberge Schloss Elmau mit Blick auf die Berge einspielten. Zum anderen, weil sie jeweils gewichtige Gebirgsmassive des deutschen und europäischen Jazz sind: Ilg als Volksliedeinspeiser und Klassikbearbeiter von Bach über Verdi bis Wagner, Brönner in seinem Spagat als Popstar, Perfektionist und Vorzeigeimprovisator, der von Barack Obama ins Weiße Haus eingeladen wurde.
Von angestrengter Ambition oder – schlimmer noch – Routine ist auf „Nightfall“ allerdings nichts zu spüren. Da begegnen sich vielmehr zwei Instrumentalisten mit fast schon kindlicher Neugier auf die Möglichkeiten dieses ungewöhnlichen Duoformats und lassen sich wie zwei Bungeejumper in die Tiefe fallen – immer im Vertrauen, dass das Band der europäischen und US-amerikanischen Musiktradition sie schon halten wird.
Und so gelingt Brönner und Ilg das Kunststück, auf einer CD Stücke von Leonard Cohen, Ornette Coleman, Johann Sebastian Bach, Kern und Hammerstein, den Beatles, Britney Spears oder von Melchior Vulpius auf so natürliche Weise zu versammeln, als wären diese doch recht unterschiedlichen Sportsfreunde schon immer Mitglieder im gleichen Gebirgswanderverein gewesen. Mit dem pointierten Einsatz von Overdubs (hier ein Bass-Loop, dort eine geblasene Klangfläche) und Soundeffekten (etwa ein beklopftes Trompetenmundstück, das zur Electropercussion wird) verabschieden sie sich immer wieder geschickt vom Basislager der Duo-Konventionen im Jazz. Das swingt dann nicht nur, sondern pumpt wie im Club. Oder erinnert an gute Berggeister wie Palle Mikkelborg.
Dass Ilg dabei seinen verlässlichen, in dunklen Farben schillernden Bass zuweilen brillant etüdenhaft zupft und Brönner sein Horn boppig-biegsam das Abendrot grüßen lässt, war zu erwarten. Dass sich die beiden eigentlich dem Mainstream zugeordneten Meister aber auch todesmutig und gekonnt ins freie Spiel stürzen, ist dann schon eine Überraschung. Brönner hat man so dreckig, so an die Grenzen des Tonalen gehend auf Platte noch nie spielen gehört. Respekt: ein gleichzeitig höchst unterhaltsamer wie fordernder Gipfelsturm.

Josef Engels, 10.03.2018



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